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Natur des Jahres 2017

Text: Mag. Manuela Siller

Verstärkt Aufmerksamkeit und Bewusstsein für verschiedene Arten und Lebensräume wecken sowie deren unterschiedliche Gefährdungen aufzeigen, das sind die erklärten Beweggründe und Ziele zahlreicher nationaler und internationaler Natur- und Umweltschutzorganisationen und Ministerien alljährlich verschiedene Arten als Tiere bzw. Pflanzen des jeweiligen Jahres zu bestimmen. Die teilnehmenden Länder können jeweils entweder die selben Vertreter der diversen Organismengruppen wählen oder sich für unterschiedliche entscheiden, je nachdem welche Schwerpunkte oder „brennende“ Themen vorrangig sind.

Baum des Jahres

Die Nominierungen der tierischen und pflanzlichen „Botschafter“ müssen dabei nicht zwangsläufig zu Jahresbeginn erfolgen. Seit 1994 präsentiert Österreich traditionell am 21.3., dem „Internationalen Tag des Waldes“, seinen „Baum des Jahres“, welcher gemeinschaftlich vom Lebensministerium und dem Kuratorium Wald ausgesucht wird. Auswahlkriterien sind der Gefährdungsgrad sowie die Wichtigkeit für die österreichische Ökologie und Ökonomie. Zur Wahl stehen ganze Gattungen – im Jahr 2016 z.B. die „Eichen“, einzelne Arten als auch willkürlich zusammengefasste „Gruppen“ wie die Wildobstbäume. Laut dem Kuratorium Wald wurde für 2017 der Gemeine Wacholder (Juniperus communis) auserkoren. Mit dieser Wahl soll der besondere Stellenwert einer extensiven und naturnahen Landnutzung für die Bewahrung naturschutzfachlich wertvoller Lebensräume aufgezeigt werden. Der Wacholder ist eine äußerst lichtliebende und anpassungsfähige Art, anzutreffen vor allem in offenen Landschaften (Heideflächen,…) vom Tiefland bis in über 3500 m Seehöhe, jedoch ziemlich konkurrenzschwach und sehr langsam wachsend. Das vielgestaltige, immergrüne Gewächs liefert begehrte Würzbeeren für die Küche, gilt als Heilpflanze und erreicht immerhin ein Lebensalter von 500 bis 2000 Jahren!  In Deutschland ist die „Gewöhnliche Fichte“ (Picea abies) zum Baum des Jahres 2017 gekürt worden. Die Ernennung soll vor allem ein Anstoß zum Nachdenken und Diskutieren sein, denn obwohl diese Baumart die am weitesten verbreitete in Deutschland ist und zumeist das Landschaftsbild prägt, ist die Zukunft dieser Baumart ungewiss (Stichwort „Klimawandel“).

Blume des Jahres 2017

Der leuchtend rote Klatschmohn (Papaver rhoeas), auch Mohnblume oder Klatschrose genannt und zur Familie der Mohngewächse gehörend, zählt seit dem Neolithikum zu den Kulturbegleitern und verbreitete sich mit dem Ackerbau über die ganze Welt. Als Ursprungsgebiet wird Eurasien oder Nordafrika angenommen. Der Tiefwurzler (bis 1m!) kann auf offenerdigen, lockeren, steinigen und sommerwarmen, meist kalkhaltigen Lehmböden beeindruckende Bestände bilden. Aufgrund der Praktiken der modernen Landwirtschaft wird der eindrucksvoll leuchtende Klatschmohn immer effizienter aus den Getreidefeldern verdrängt, sodass er nunmehr hauptsächlich an Wegrändern, Brachen, Schutt- und Ruderalflächen sowie in Gärten zu finden ist. Mit der Ernennung dieser relativ anspruchslosen Pionierpflanze will die deutsche Loki-Schmidt-Stiftung und der Österreichische Naturschutzbund auf die prekäre Situation der „Ackerwildkräuter“ und „-blumen“ aufmerksam machen, denn bei unserem Lieblingsnachbarn steht jede zweite Art mittlerweile in mindestens einem Bundesland auf der Roten Liste. Auch in Österreich stellt sich die Situation nicht besser dar: bereits 60,9% der Farn- und Blütenpflanzen finden sich in den Roten Listen gefährdeter Gefäßpflanzen (Stand 1999!, Umweltbundesamt).

Klatschmohnflur
Der Klatschmohn steht stellvertretend für die bedrängte Flora der Ackerwildkräuter und -blumen. - Foto Manuela Siller

Klatschmohn
Foto Manuela Siller

Moos und Flechte als Botschafter

Das Weiche Kammmoos, auch Straußenfedernmoos (Ctenidium molluscum) und die Flechtenart Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) stehen stellvertretend für die Besiedler der Extremstandorte steile, besonnte Kalkfelsen. Neben den zähen polsterförmigen Kissenmoosen und Spalthütchen braucht das mattenartig wachsende  Weiche Kammmoos allerdings ein wenig Schatten und kleine Spalten, Ritzen und Vorsprünge. Dieses Moos des Jahres 2017 besiedelt aber auch kalkreiche Niedermoore. Außerhalb der Alpen gelten die Lebensgemeinschaften von Kalkfelsen in ganz Mitteleuropa als bedroht: Straßenbau, Bebauung, Abbau, Umwandlung von Laub- und Mischwäldern in Nadelholzforste mit ganzjähriger Beschattung, Nährstoffeinträge durch die Luft und Verbuschung von Halbtrockenrasen mit ihren eingestreuten Felsausragungen. Mit den Ernennungen zum Moos, zur Flechte des Jahres möchte die Bryologisch-lichenologische Arbeitsgemeinschaft für Mitteleuropa (BLAM) und der Österreichische Naturschutzbund auf diese eher wenig beachteten Organismengruppen aufmerksam machen. Dabei dienen diese den Menschen u. a. als hervorragende Indikatoren bei Schwermetall- und radioaktive Belastungen an den jeweiligen Standorten.

Streuobstsorte 2017 für Österreich: die „Joiser Einsiedekirsche“

In den ehemals häufig angepflanzten und gepflegten Streuobstbeständen gediehen zahlreiche spezielle, an die jeweiligen Standorte gut angepassten und somit lokale Obstsorten. Sorten, welche heutzutage oftmals zu verschwinden drohen. Doch es gibt rührige Aktive, so zum Beispiel die „ARGE Streuobst“, die „Österreichische Ar-beitsgemeinschaft zur Förderung des Streuobstbaus und zur Erhaltung obstgenetischer Ressourcen“. Die burgenländische, seit mittlerweile rund 100 Jahren dort angebaute Sorte „Joiser Einsiedekirsche“ steht nun 2017 stellvertretend für alle gefährdeten Obstarten und soll dies wieder verstärkt ins allgemeine Bewusstsein rücken. Mit dem Erhalt dieser raren Sorte wird nicht nur vielfältigeres Kulturgut bewahrt, diese „schwarze“ Knorpelkirsche gilt auch aufgrund ihres sehr hohen Anthocyangehaltes und damit antioxidativer Wirkung als sehr gesundheitsfördernd! Wer sich für Streuobst interessiert: ausführliche Informationen bietet z.B. die Homepage www.arge-streuobst.at.

Tier des Jahres 2017: der Wolf

Neben Bär und Luchs zählt auch der Wolf (Canis lupus) zu denjenigen Tierarten, welche bei der Bevölkerung ambivalente Gefühle hervorrufen und Thema zumeist hoch emotional geführter Diskussionen sind. Es ist wohl unbestritten, dass Gedeih und Verderb dieser „Raubtiere“ einzig von uns Menschen abhängt, ob eine Koexistenz ermöglicht und gefördert wird, oder unsere Handlungs- und Denkweise diesen faszinierenden Tierarten ein Lebensrecht ausschließlich in Schutzgebieten und Zoologischen Gärten zubilligt. Zahlreiche Studien belegen allerdings, dass selbst alle Schutzgebiete zusammengenommen nicht ausreichen werden, dauerhaft stabile und vor allem genetisch gesunde Populationen aufrecht zu erhalten. Dass auch große Beutegreifer ein enormes Potential an Anpassung haben, mag ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft sein: Neueste Meldungen berichten von einer ersten, sich selbständig angesiedelten „Wolfsfamilie“ in Österreich. Es bedarf aber enormer, ernstgemeinter und sachlicher, fachlich fundierter Anstrengungen auf breiter Basis, um die wirtschaftlichen und ideellen Aspekte zufriedenstellend abzudecken.   

Weißer Wolf
Rückkehr nach Österreich nach über 100 Jahren? - Foto Manuela Siller

Weißer Wolf
Der Wolf gilt in vielen Kreisen als "problematisch" und "gefährlich". - Foto Manuela Siller

Nyctalus noctula, der Abendsegler – 2016 und 2017 Fledermaus des Jahres 

Als eine der größten heimischen Fledermausarten steht diese Art auch heuer im Fokus der Öffentlichkeitsarbeit, von Schutzbemühungen und diversen Projekten. Abendsegler unternehmen weite Wanderungen zwischen Sommer- und Winterquartieren, mitunter legen sie dabei sogar bis über 1.500km-Distanzen zurück! BatLife Europe mit seinen über 30 Partnerorganisationen bemüht sich intensiv um grenzüberschreitenden Schutz. Der interessante, wandernde Abendsegler ist ein perfekter Botschafter für die Anliegen der gefährdeten Fledermäuse. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch die Förderung einer naturnahen Waldbewirtschaftung mit dem Erhalt wichtiger Höhlenbäume. Die seit 10 Jahren in Österreich aktive KFFÖ (Koordinationsstelle für Fledermausschutz und – forschung in Österreich) ist eine wichtige Anlaufstelle für alle „Fledermausfragen“.

Der Waldkauz ist Vogel des Jahres 2017

Deutsche Naturschutzorganisationen küren seit 1971 jährlich ihren Kandidaten und waren damit die ersten, die auf diese Weise auf die Gefährdungen von Tieren und ihren Lebensräumen aufmerksam machten. Seitdem hat diese  Aktion viele Nachahmer und ihren Weg sogar über den Ozean gefunden, unter anderem nach Südafrika und Neuseeland. Seit dem Jahr 2000 übernimmt Bird Life Österreich die von NABU (Naturschutzbund Deutschland) und LBV (Landesbund für Vogelschutz in Bayern) gewählte Art. Der Waldkauz (Strix aluco) steht stellvertretend für alle Eulenarten und soll die breite Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse höhlenbewohnender Tiere aufmerksam machen. Der Erhalt alter Bäume mit Höhlen in Wäldern, Parks und Gärten soll forciert und beworben, die Qualität der Lebensräume auch in der Agrarlandschaft verbessert werden. Denn monotone Wälder und ausgeräumte Landschaften bieten weder eine stabile Nahrungsgrundlage noch Schutz, Deckung und Wohn- und Brutmöglichkeiten.

Waldkauz
Als Vogel des Jahres 2017 lenkt der Waldkauz das Augenmerk auf die Bedürfnisse von Höhlen nutzenden Tierarten. - Foto Jakob Zmölnig

Waldkauz
Der Waldkauz kommt sowohl in einer braunen als auch einer sehr hellen, weiß-grauen Morphe vor. - Foto Jakob Zmölnig

Waldkauz
Als noch nicht voll flugfähiger Ästling weiterhin von der elterlichen Fürsorge abhängig! - Foto Jakob Zmölnig

Insekt des Jahres 2017 für Österreich ist die Gottesanbeterin

Die Österreichische Entomologische Gesellschaft und der Österreichische Naturschutzbund ernennen alljährlich das jeweilige Insekt des Jahres. Auf den Dunkelbraunen Kugelspringer, ein winziger Springschwanz, folgt also 2017 die faszinierende Mantis religios, die Gottesanbeterin. Mit ihrer Wahl will man auf ihre zunehmende Ausbreitung in nördlicher gelegene Regionen aufgrund der Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam machen. Die ursprünglich aus Afrika stammende carnivore Fangschrecke ist allerdings laut Dr. Gepp schon seit Jahrhunderten im pannonischen Raum bekannt. Seit den 80er Jahren wandert sie via Slowenien in die Steiermark und nach Kärnten ein, mittlerweile erreichte die Gottesanbeterin begünstigte südlich gelegene Alpentäler. Das höchste bekannte Vorkommen liegt in der Steiermark in 1150m Seehöhe! Das wärmeliebende Insekt bevorzugt nur locker bewachsene Gras- und Buschlandschaften, ihren „Eroberungszug“ zu verfolgen wird wohl nicht nur für Entomologen spannend werden.

Gottesanbeterin
Die wärmeliebende Gottesanbeterin erobert im Zuge des Klimawandels neue Räume. - Foto Jakob Zmölnig

Europäische Spinne des Jahres 2017

Die zur Familie der Echten Radnetzspinnen gehörende Spaltenkreuzspinne (Nuctenea umbratica) wurde zur Spinne des Jahres 2017 gewählt. Kriterien für ihre Wahl sind ihre relative Häufigkeit, ihre eindeutige Erkennungsmöglichkeit, trotz versteckter Lebensweise in Häusernähe ist sie leicht zu entdecken und diese Spinnenart rückt als ursprünglicher Rindenbewohner den Lebensraum Totholz und die Wichtigkeit von Altholzbeständen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Zugleich soll nicht nur eine als eher „unsympathisch“ empfundene Tiergruppe ins rechte Licht gerückt werden, Arachnologen erhoffen sich damit auch einen besseren Kenntnisstand zur Verbreitung dieser Spinnenart durch Fundmeldungen von interessierten Hobbyforschern. Im Normalfall leben diese Spinnen hauptsächlich im Flach- und Hügelland (bis rund 800m Seehöhe), Funde gibt es aber auch noch in 1000m Seehöhe. Die Spaltenkreuzspinnen sind fast immer ganzjährig zu entdecken, vorwiegend aber von Juli bis Oktober. Beobachtungen bitte nach Möglichkeit mit Foto per E-Mail an Mag. Christoph Hörweg (Leiter der Sammlung Arachnoidea des Naturhistorischen Museums Wien): christoph.hoerweg@nhm-wien.ac.at oder auf www.naturbeobachtung.at.

Große Teichmuschel, Seesaibling, Blindschleiche und Goldene Acht vor den Vorhang

Die zur Familie der Fluss- und Teichmuscheln gehörende und unter Naturschutz stehende Große Teichmuschel (Anodonta cygnea) lebt im weichen schlammigen oder sandigen Boden von sauberen, stehenden Süßgewässern. Unter abnehmenden Beständen dieses wichtigen Filtrierers leidet auch ein bekannter, kleiner Fisch – der Bitterling. Er ist für seine Vermehrung auf die Große Teichmuschel angewiesen. Bereits 2005 wurde der Seesaibling (Salvelinus umbla), ein Salmonide, zum „Fisch des Jahres“ gekürt. Die neuerliche Ernennung begründet sich mit dem bedenklichen Reproduktionstrend der Wildpopulationen. Diese Art braucht klare, kalte, sauerstoffreiche und auch tiefere Gewässer. Laichplatzverluste, Wassererwärmung und falsche fischereiliche Bewirtschaftungen machen dem Seesaibling zu schaffen – die Art gilt als „gefährdet“. Die Aktion „Reptil/Lurch des Jahres“ wurde 2006 von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT) ins Leben gerufen, ihre rührige AG „Feldherpetologie und Artenschutz“ wird fachlich u. a. von der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie (ÖGH) unterstützt. Abwechselnd wird ein Reptil bzw. ein Lurch des Jahres vorgestellt. 2016 diente der Feuersalamander (Salamandra salamandra) als „Amphib des Jahres“ als Botschafter.  Die Westliche Blindschleiche (Anguis fragilis),  das Reptil des Jahres 2017, gilt zwar allgemein als relativ häufig und anpassungsfähig, doch wird diese Schleiche in Österreich bereits in der Roten Liste als „gefährdet“ geführt. Als Ursachen gelten die intensive Land- und Forstwirtschaft, Straßenverkehr und die Zersiedelung der Landschaft. Blindschleichen vertilgen neben Regenwürmern, Insekten, Spinnen und  Asseln auch unzählige kleine Nacktschnecken. Stellvertretend für zahlreiche weitere Arten werben Blindschleichen somit für biologisch bearbeitete, giftfreie naturnahe Gärten und „wilde Ecken“. Derartig gestaltete kleine Paradiese können richtige Zufluchtsstätten für bedrängte Arten sein. Last but not least wirbt in deutschen Landen die „Goldene Acht“ (Colias hyale) als Schmetterling des Jahres 2017 für naturnahe, blütenreiche Wiesen und Weiden. Die Raupen dieses Gelblings fressen an Luzerne und Klee, Gründüngungs- und Futterpflanzen, die zunehmend von Gülle und Kunstdünger sowie Kraftfutter (Importsoja…) verdrängt werden.

Blindschleiche
Die heimliche Blindschleiche besiedelt Tieflagen, steigt aber auch bis über 2000m Seehöhe! - Foto Jakob Zmölnig

Blindschleiche
Der Name täuscht - Blindschleichen können gut sehen und haben wie alle Echsen ein bewegliches Augenlid. - Foto Jakob Zmölnig

Mit den Ernennungen zu „Tieren und Pflanzen des Jahres…“ sollen die teilweise bedrohlichen Rückgänge und die Gefahrenpotentiale verstärkt aufgezeigt, zugleich aber auch dazu beigetragen werden, die natürliche Vielfalt an Lebensräumen zu erhalten und wieder herzustellen. Eine Verschlechterung der Umwelt- und Lebensbedingungen wirkt sich auch auf die Art Homo sapiens aus, denn schlussendlich ist alles mit allem verbunden.

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Titelfoto Manuela Siller

© Respect to Wildlife 2017