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Eine Spezies die vermutlich uns Menschen überlebt - Teil 2

Ausreichend Eiweiß, Fette, Kohlehydrate und Wasser, das brauchen wir Menschen, um uns zu ernähren. In diesem Punkt gibt es zwischen uns und den Ameisen keinen Unterschied. Allerdings ist die Beschaffungsweise dieser Nährstoffe eine grundlegend andere. Die sechsbeinigen Insekten haben dabei kaum Schwierigkeiten, welche mit den unsrigen vergleichbar wären. Das große Thema in einem Ameisenstaat ist „füttern“ und „sattwerden“. Ihr Leben wird nicht von Neid, Machtkämpfen, Totschlag oder gar Mord bestimmt. Sind alle satt geht es dem Staat gut, herrscht Not, knurrt allen der Magen.

Es ist interessant zu beobachten, dass in Notzeiten in denen der soziale Magen kaum gefüllt ist das gegenseitige Füttern wesentlich intensiver ist. Auch im Leben der Ameisen gibt es Krisen, das Nahrungsangebot fällt nicht jedes Jahr gleich gut aus. Ihr winzig kleines Gehirn rät ihnen vorausblickend Vorräte anzulegen. Gescheit, wenn man bedenkt, dass fleischliches, es würde verwesen, dazu nicht zählt, es wird lediglich eingetragen, um es in Ruhe verzehren zu können. Die Vorratskammern werden ausschließlich mit Teilen von Pflanzen, deren Säfte, Honigtau und den unterschiedlichsten Samenkörnern gefüllt. Es ist ein Volk von Sammlern, die für unser Auge wahllos scheinende Dinge in ihre Burg tragen, so zum Beispiel nicht fressbare Ästchen, kleine Erdklümpchen, manche plagen sich mit großen getrockneten Grashalmen ab – meist Gegenstände welche als Baustoff dienen. Immer wieder kann man zahlreiche, frische Harzkügelchen, auf die gesamte Burg verteilt finden. Sie dienen zwei erwähnenswerten Zwecken, 1. Harz desinfiziert und wenn die Tiere von ihren weiten Sammelaktivitäten zurückkehren, treten sie mit ihren Beinchen auf einige dieser Kugeln und machen sich, ehe sie in den Bau kriechen, keim- und bakterienfrei. 2. Das Harz wird bei starker Sommersonneneinstrahlung weich, verbindet sich mit den Baumaterialien und festigt somit die Burg.

Die Meute im Kampf mit der Beute
Die Meute im Kampf mit der Beute - Foto H.P. Sorger

Transport der Beute
Einzelne Gliedmaßen werden abgetrennt - Foto H.P. Sorger

Feinde! Der hinterlistige Ameisenlöwe

In unseren Wäldern haben die Ameisen eine Unzahl an Feinden: Vor allem Vögel, der Grünspecht ernährt sich zu 50% von ihnen, und natürlich wir Menschen. Aquarianer strömen aus und holen sich die Eier für ihre Zierfische. Bei der Holzschlägerung wird mancherorts keine Rücksicht auf dieses nützliche Volk genommen und sie „dienen“ im Winter als Nahrung den Raufußhühnern, zuweilen dem Dachs und manchmal zerstört, vor allem im Frühjahr, ein Braunbär eine komplette Ameisenburg. Die Larve des Vierpunktkäfers delektiert sich ausschließlich an der Ameisenbrut. Auch der Ameisenlöwe, im gesamten Naturparkgebiet anzutreffen, einer dicken Assel gleich, versehen mit einem zangenartigen Oberkiefer, macht mit brutaler List Jagd auf sie. Er gräbt glatte Trichter in den Sand, dann wartet er. Fällt eine Ameise in eine solche Falle versucht sie schleunigst wieder herauszukrabbeln, jedoch der Löwe (warum der so heißt weiß kein Mensch) schleudert Sand nach ihr und die Bedauernswerte wird in die Tiefe gerissen und so zur proteinhaltigen Beute des Feindes. Der Löwe pumpt ihr ein vorverdauendes Sekret in den Leib und saugt sie aus. Mit einem Schwung wirft er die leere Chitin-Hülle aus dem Trichter.

Ameisenlöwe
Ameisenlöwe - Foto H.P. Sorger

Drogensüchtig

Auch die Formica rufa, unsere Waldameise zeigt Tendenzen zur Sucht. Mit Übereifer füttern sie einen kurzflügeligen Käfer (Claviger testaceus) bspw. und lecken ihm danach die Drüsenbüschel am Rücken ab. Nährwertloses, jedoch Berauschendes wir dabei aufgenommen. Ähnlich wie die glücklich machende Droge LSD. Was macht das für einen Sinn? Schwer zu durchschauen.

Nachrichtenmittel

Schwer zu durchschauen sind auch die von Ameisen zurückgelegten Wege. Der Beobachter vermeint Irrwege darin zu erkennen. Jeder Haken, jedes rundum Getrappel erscheint mitunter sinnlos. Würde man Menschenspuren analysieren kommt man bald dahinter, dass auch, was der Homo sapiens tut, nicht immer Sinn hat. Die Frage allerdings, ob die Bewegungen der Ameisen als Nachrichtenmittel, ähnlich der geometrischen Bienensprache ausgelegt werden kann, darf und muss gestellt werden. Wir wissen nicht zu welchen Gemütsbewegungen Ameisen fähig sind. Erwiesen ist lediglich, dass die Ameise ihre gegenwärtige Stimmung in den Sand schreibt und sich damit ihren Artgenossen mitteilt. Je stärker ihre Erregung ist, umso intensiver reagieren sie sich ab.

Duftspur und Gift

Im Laufen streifen diese Insekten mit ihrer Hinterleibsdrüse am Boden und hinterlassen eine Duftspur. Sondern sie zusätzlich Ameisensäure ab, deutet dies auf ein besonderes Ereignis hin. Zumeist auf eine Kampfhandlung, denn wo Gift verspritz wurde ist etwas Außergewöhnliches passiert – ein Überfall womöglich? Erregt wird die Ameise den Weg verlassen, um nachzusehen und erst, wenn sie sich wieder beruhigt hat auf die Spur zurückkehren. Durch einen zweiten Tropfen steigert sich ihre Erregung um ein Vielfaches und sie rennt verstärkt, findet sie keine Kampfhandlungen, keine Leiche, nichts, konfus hin und her, um ihre Erregung abzubauen.

Ameisenfütterung
Jeder füttert jeden - Foto H.P. Sorger

Innerartliche Kommunikation

Wir wissen, dass alles unter den Artgenossen mitgeteilt wird, jedoch wie differenziert ihr Ausdrucksvermögen ist können wir nicht einmal erahnen. Mit verschränkten Vorderbeinen teilt sie ihrer Schwester mit: Ich habe Hunger! Zickzack rennen bedeutet Gefahr. Ein in den Boden gedrückter Kopf drückt Friedfertigkeit aus und das Stehen auf den Hinterbeinen signalisiert Kampfbereitschaft. Durch fleißiges Beobachten kann man feststellen, dass diese Tiere über ein umfassendes Vokabular verfügen, jedoch lässt sich die Ameisensprache nur in Ansätzen präzise deuten.

Anpassung

Als Orientierungshilfe speichert die Ameise markante Punkte und für jene die frei jagen spielt die Sonne eine große Rolle. Vermutlich nutzen sie auch den Erdmagnetismus. Hingegen scheint der Zeitsinn nicht besonders ausgeprägt zu sein. Dafür bessert ihr Anpassungsvermögen einiges wieder aus. Ungewohntem Klima begegnen sie mit unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Larvenstadiums und der Puppenruhe. Zumal gerade diese Entwicklung von verschiedenen bekannten und unbekannten Faktoren abhängt. Zweifellos hängt vieles von der Luftfeuchtigkeit, der Temperatur, der Nahrungsaufnahme und den Ruhephasen ab. Es ist nicht nur die Art die sich wandelt und anpasst, auch das Individuum besitzt die Fähigkeit sich umzustellen und es findet sich in neue Gegebenheiten äußerst rasch zurecht.

Waldbesitzer, Holzarbeiter und Wanderer bedenkt, dass die Waldameise eine wichtige Funktion im Wald erfüllt und Indikator für eine gesunde Umwelt ist – geht vorsichtig mit ihr um!

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto H.P. Sorger:
Waldameise

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