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Warum Ameisen wissen wo Süden liegt?

Formica rufa

Alle Nester, Haufen oder Burgen der Roten Waldameise (Formica rufa) sind zu 98% exakt nach Süden ausgerichtet. Es ist natürlich nicht ihr Wissen über die südliche Hemisphäre, sondern ihr angeborener Handlungstrieb der sie zwingt, die größere Fläche ihres Nestes in jenen Teil zu verlegen, an dem die Sonne im Tagesverlauf am längsten einstrahlt. Nordamerikanische Natives lehrten mich, diese Haufen als Orientierungshilfe zu nutzen. Finde ich drei dieser Nester, wovon zwei in die selbe Richtung weisen, kann ich sicher davon ausgehen die südliche Himmelsrichtung gefunden zu haben. Dies gilt auch in unseren Landen!

Verlässliche Wetterpropheten

Ihr Wettersinn, oder besser gesagt ihre Wetterfühligkeit, warnt jeden naturbezogen beobachtenden Waldläufer vor Gewitter oder starkem, plötzlich aufkommendem Regen. Waldameisen sind in dieser Hinsicht die verlässlichsten Propheten. Sie müssen es auch sein, denn damit sichern sie ihr eigenes Überleben. Wenn wir die Oberfläche eines solchen Nestes genauer betrachten, fallen uns an warmen, sonnigen Tagen mehrere, oft daumendicke Löcher auf. Der Großteil davon sind Entlüftungsschächte und einige andere für die Nahrungseinbringung angelegte Gänge. An heißen Tagen sind diese Löcher, Schächte und Gänge weit geöffnet, während in kühlen Nächten - je nach dem - kleine Schlitze genügen, um die Innentemperatur konstant zu halten. Beginnen diese kräftigen Tierchen – sie können das 40fache ihres Eigengewichts tragen - an einem warmen Sommertag diese Öffnungen hektisch zu verschließen, dann lege ich meine Hand dafür auf den Haufen, dass in spätesten 10 bis 20 Minuten heftiger Regen niederprasselt. Ihre Sensitivität lässt sie auf momentanen Druckabfall, Luftfeuchtigkeit, Windbewegung und andere Faktoren zeitgerecht reagieren. Allein der abfallende Luftdruck kann es nicht sein, denn mehrmalige Beobachtungen entfachten in mir Zweifel, weil rings um mich Donner grollte und schwarze Wolken Böses ahnen ließen, die Ameisen jedoch keine Anstalten trafen ihre Löcher, Schächte und Gänge zu verschließen. Es kam wie es kommen musste: kein einziger Tropfen Wasser fiel im beobachteten Umfeld vom Himmel!

Ameisenburg
Burgen können zwei Meter hoch anwachsen - Foto: H. P. Sorger

In 25 Lebensjahren nur eine einzige Begattung

Betrachtet man ihr Treiben auf dem Bau, vermutet man erstmal perfektes Chaos. Genauer hingesehen ist aber der gesamte Staat – 300.000 bis zweieinhalb Millionen Einwohner - bestens organisiert. Im März legen die Königinnen ihre Eier und im Juni schlüpfen die geflügelten Jungen. Während des Hochzeitsfluges werden die neu geborenen Königinnen zum ersten und einzigen Mal während ihres 20 bis 25 Jahre andauernden Lebens begattet. Die nunmehr unnötig gewordenen Männchen sterben und es verbleiben nur noch Arbeiterinnen. In einer Samentasche konserviert überdauert der Spermienvorrat diese Zeit, um neue Kolonien zu schaffen. Nach diesem Ritual suchen sie sich einen Platz für den Bau einer neuen Burg. Noch ehe mit deren Errichtung begonnen wird, ist dafür bereits ein genauer Plan vorhanden. Arbeitsteilung sichert ihr Überleben! Am Körperbau jedes einzelnen Staatsangehörigen kann man im sozialen Gefüge dessen Aufgabe als Jäger, Städtebauer, Hebamme, Gärtner, Viehzüchter oder Krieger ablesen. Mit nachtwandlerischer Sicherheit beherrscht jedes Individuum durch ein höchst kompliziertes Instinktverhalten sein Handwerk. Ameisen gehorchen ausschließlich den Forderungen der Natur.

Ameisensoldat
Soldat auf Wachposten - Foto H.P. Sorger

Gewaltige Hebekräne

Ihre Kiefer sind ein universelles Werkzeug bei der Arbeit! In gewissem Sinne ihre Hände, gleichermaßen die Waffen im Kampf, die Schaufeln mit denen sie graben und gewaltige Hebekräne für allfälligen Transport. Werkzeuge, mit denen sie den Staat beschützen, seine Festungen bauen und ihn versorgen. Ehe sie ihren eigenen Hunger stillen füttern sie die Maden, verteilen die Beute an ihre Gefährtinnen und füllen die Magazine. Sie fungieren als Totengräber im eigenen Staat und verfügen über quirlige Sanitäter. In Tannen, Fichten und Lärchenwäldern ist immer genügend Harz vorhanden. Pechschneider oder Sammler machen sich auf den Weg und bringen Harzkügelchen mit einem Durchmesser von vier bis acht Millimeter zum Bau und verteilen sie darauf gleichmäßig. Das Harz erfüllt zwei Funktionen. Erstens: Seine desinfizierende Wirkung befreit das darüberlaufende Volk von Keimen und Bakterien, welche sie von ihren Beutezügen mitbringen und zweitens: stabilisieren die sich mit Nadeln und Hölzchen verbindenden Harzteilchen die gesamte Burg zu einer Festung gegen Wind, Regen und Schnee.

Ölkäfer
Gemeinsam überwältigen Ameisen einen Ölkäfer - Foto H. P. Sorger

Schutz gegen Tod durch Kraftfahrzeuge

Andere Arbeiterinnen sehen Tageslicht nur selten, denn sie betreuen unaufhörlich die gelegten Eier der Königin. Um eine rasche Entwicklung zu gewährleisten tragen sie den hinkünftigen Nachwuchs, im Inneren des Baus, in die dafür günstigsten Temperatur-Bereiche. Bei Nestzerstörungen verbringen sie freigelegte Eier blitzschnell und verstecken sie in umliegend vorhandenen Fugen und Ritzen. Von ihren Burgen führen sternförmig, etwa 10 bis 15 cm breit angelegte Straßen in alle Richtungen. Davon ausgehend wiederum bilden sie ein Netz von vielen Nebenstraßen. Durchkreuzt eine Forststraße eine dieser Ameisenhauptstraßen, verteilen sich bei deren Überquerung die Ameisen auf bis zu sieben Meter Wegbreite. Sie vermindern damit größere tödliche Ausfälle unter den Rädern von anrollenden Kraftfahrzeugen.

Ameisenknäuel
Kälte überwinden sie in Knäuel - Foto: H. P. Sorger

Als Sammler und Viehzüchter

Immer wieder bin ich geneigt diesen, wie Bienen fleißigen Waldbewohnern Intelligenz unterzujubeln. Dabei hat sie 65 Millionen Jahre lange (beginnend im Tertiär) Evolution zu dem gemacht was sie sind: dem Ökosystem Wald nutzbringende Insekten. Als allesfressende Schädlingsbekämpfer verdrücken sie Aas, rücken vereint Forstschädlingen wie dem Borkenkäfer, Kiefern- und Frostspanner zu Leibe und verstauen Proviant in angelegten Vorratskammern. Sie durchlüften den Waldboden, verbreiten Samen von Pflanzen, halten sich Blatt-, Rinden-, Wurzel- oder Schildläuse wie der Landwirt Kühe und beschützen sie vor Feinden, trommeln auf deren Hinterleib mit ihren Fühlern und „melken“ ihnen den als Nahrung dienenden Honigtau aus dem Leib. Schlussendlich dienen sie selbst Eidechsen, Raufußhühnern und Spechten als Vollwertkost.
Nur in halbwegs intakten Wäldern hat die Rote Waldameise eine Überlebenschance. Zerstört also solche ökologisch wichtige Burgen nicht - seid dankbar, wenn es viele davon gibt!

Ihr Hans Peter Sorger


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Titelfoto Walter Windhorst:
Wie von einer anderen Welt.

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