A | A | A   Schriftgrösse

Eine Spezies die vermutlich uns Menschen überlebt

Es kommt vor, dass Menschen dazu neigen, Dinge, die sie nicht sofort verstehen, als Unsinn, als etwas ganz und gar Dummes abzutun. Für diese Menschen hört die Welt dort auf, wo sie besonders interessant zu werden beginnt. Sie versäumen viel. Es gibt da eine Regel: Hinschauen, hinschauen und noch einmal hinschauen, dann langsam denken, und mit Erscheinungen vergleichen, die ähnlich, aber bereits verständlich sind.
Herbert Pothorn, Entomologe und Autor

So habe auch ich in einem scheinbar sinnlosen Gewimmel eines Ameisenhaufens ein wunderbares Ordnungsgefüge entdeckt. Es ist ein Teil einer Welt von der wir wenig wissen. Wem nützt dieses Wissen und was kann man damit verdienen? Wenn man weiß, dass und wie man sich an einem Ameisenhaufen orientieren kann, wenn man weiß, dass und wie Ameisen mit ihrem Verhalten ein kurzfristig bevorstehendes Gewitter anzeigen, dann kann das durchaus von großem Nutzen sein.

Ameisensoldatin
Der Schädel einer Soldatin ist größer als der Hinterleib - Foto H.P. Sorger

Ameisen die gerne Schiffchen fahren

Es gibt 6000 verschieden Arten und Unterarten mit den unterschiedlichsten Verhaltensweisen. Fleischfresser, Allesfresser, Pflanzenfresser und Arten die von einem selbst gezogenen Pilz leben. Allein die Größenunterschiede sind staunenswert, weit unter einem Millimeter bewegt sich das Maß der Kleinsten und die Größten messen fünf Zentimeter. Manche Arten sind mit einem Giftstachel versehen, andere wiederum verspritzen aus einer Hinterleibsdrüse Säure, um sich gegen Feinde zu wehren. Manche Arten halten sich Sklaven und einige fügen sich willig in die Sklaverei. Die eine Art verbringt Jahrhunderte am selben Ort die andere kann nur satt werden, wenn sie wandert. Fehleinschätzungen und Missdeutungen liegen so mancher Beobachtung zugrunde. So hieß es beispielsweise über die südamerikanischen Blattschneider-Ameisen, dass sie unter der starken Sonneneinstrahlung leiden und sich deshalb ein Blattstückchen schneiden, um es als Sonnenschirm zu benutzen. Diese Ameisen tun das wirklich, aber nicht als Sonnenschutz, sondern um sich in ihrem Bau damit Pilze zu züchten, welche ihnen als Nahrung dienen. So eine Blattschneiderin, fiel mit ihrem Sonnenschirm ins Wasser, erkletterte das treibende Blatt und schon lehrte man, dass Ameisen gerne Schiffchen fahren. Da und dort wurde ebenfalls gelehrt, dass Ameisen, um den Staat vor einer Gefahr zu schützen den Freitod wählen. Ich möchte gerne den kennen, der ob dieser Freiwilligkeit jemals eine Ameise befragt hat, und wenn, auch eine Antwort erhielt?

Waldameise
Rote Waldameise- Foto H.P. Sorger

Ein einziges Mal – ein für alle Mal

Es ist unmöglich sich mit allen Arten dieser Spezies eingehend zu beschäftigen. So war es mir eben auch nur möglich, mich mit unserer roten Waldameise, Formica rufa gezielt auseinanderzusetzen. Schon als Fünfjähriger erklärte mir mein weiser Onkel Franz, dass diese Ameise dafür sorgt, dass unsere Bäume gesund in den Himmel wachsen. Heute weiß ich ein bisschen mehr über diesen „Forstgehilfen“, ich habe mich belesen und unzählige Stunden mit Beobachten verbracht. Diese Insekten werden der großen Gruppe der sind an Hals und Taille hauchdünn eingeschnürt und nur die geschlechtlich voll entwickelten Tiere besitzen zeitweilig diese meist glasklaren und nur selten getönten Flügel. Diese dienen einem einzigen Zweck, welcher sich in einer knappen Stunde erfüllt. In dieser Stunde vollzieht sich im Leben der Königin und ihrer Männchen ein für alle Mal die Vereinigung. Beim Schwärmen, dem sogenannten Hochzeitsflug, erheben sie sich in die Lüfte und bei der Paarung ist die Wahl des Partners dem Zufall überlassen und wenn tatsächlich einmal Weibchen und Männchen eines Volkes aufeinandertreffen zählt dies zu einer der seltenen Ausnahmen. Inzucht, das heißt, die Multiplikation schlechter Erbanlagen zum Schaden der Art ist daher so gut wie ausgeschlossen. Das war’s. Mit gefüllter Samenblase werden die Flügel ausgeklinkt, dann baut sich die Königin ihr Nest und legt Eier; fünfzehn bis zwanzig Jahre lang. Größe und Beschaffenheit des Geleges sind gleich und ob sich aus einem Ei eine Königin entwickelt hängt von der Ernährung der Larven ab. Männchen entstammen aus unbefruchteten Eiern, welche von einer Arbeiterin mit gerade noch legetauglichen Eierstöcken fabriziert werden. Aber auch die Königin verschließt im Notfall ihre Samenblase, legt unbefruchtete Eier aus denen ebenfalls Männchen resultieren, die für den Hochzeitsflug benötigt werden. Ob sich dies durch innerartliche Kommunikation oder einem Nachrichtendienst „herumspricht“ weiß man nicht. Mehrheitlich wachsen aus den Eiern der Königin „Arbeiterinnen“, deren Eierstöcke verkümmert oder gar nicht vorhanden sind. Jedoch ihre mütterlichen Pflegeinstinkte sind voll entwickelt. Und noch etwas Einmaliges verbindet diese Tiere, nämlich der Trieb des dauernden gegenseitigen Helfens. Unentwegt stopfen sie sich gegenseitig in den Mund was ihr Vorratsmagen an Schmankerln zu bieten hat. Der Vorratsmagen, ähnlich einem dehnbaren Kropf, befindet sich im Hinterleib vor dem Magen-Darm-Verdauungstrakt. Den Kropf bezeichnet man als „sozialen Magen“ und trifft damit den Nagel auf dem Kopf, den alles was da drinnen ist, gehört allen.

Ameisenfütterung
Jeder füttert jeden - Foto H.P. Sorger

Große Köpf, Kiefern und Zangen

Die Größe eines Volkes wird von den Arbeiterinnen bestimmt, welche auf ihren Raubzügen über andere Insekten herfallen, sie töten, zerlegen und heimschleppen. Es ist erwiesen, dass sich, ausschließlich mit Fleischkost gefütterte Larven, zu Soldaten mit großen Köpfen, Kiefern und Zangen entwickeln. Gewinnbringend für den Staat, zwar sammeln sie nicht, erfüllen keine Ammendienste und müssen stets wie Babys gefüttert werden, aber sie dienen ihren Ernährern als Schutztruppe, sie sind die Polizei im Nest, die über jeden unerwünschten Eindringling herfällt und ihn köpft. Sie dienen als aufmerksame Wachposten an den Eingängen und sie werden übereifrig, wenn ein größerer Fleischtransport im Anmarsch ist.

Ameisenkopf einer Arbeiterin
Eindrucksvoll der Kopf einer Arbeiterin - Foto Walter Windhorst

Der baldige Tod ist gewiss

Eine Waldameisenkönigin kann, wie erwähnt 20 Jahre alt werden, die Arbeiterinnen sterben nach etwa sechs Jahren. Männchen hingegen leben bei allen Arten höchstens ein paar Wochen. Der Hochzeitsflug erschöpft sie derart, dass sie fix und foxi zur Erde sinken. Zumeist fallen oder brechen ihre Flügel ab und sie sind unfähig das Nest wiederzufinden. Außerdem fehlt ihnen die Erfahrung im Futtersuchen – der baldige Tod ist ihnen gewiss. In unseren Breiten zieht sich das Ameisenvolk in den Wintermonaten zurück ins Erdreich und ein wenig Frost macht sogar den überwinternden Puppen nichts aus. Sie verlängern höchstens ihre Phasen, welche sie zu ihrer Entwicklung brauchen.

Ihr Hans Peter Sorger

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe über die
Sklavenhaltung im Ameisen-Staat.

 

Gönnen Sie sich ein besonderes Naturerlebnis!

Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
Informationen + Anmeldung

Titelfoto Walter Windhorst:
Eindrucksvoll der Kopf einer Arbeiterin.

© Respect to Wildlife 2017