A | A | A   Schriftgrösse

Der Ast auf dem wir sitzen

Zumeist wird die Ökologie (Lehre von den Beziehungen der Lebewesen zur Umwelt) in der Waldbewirtschaftung aufgrund momentaner Ertragsmöglichkeit übersehen oder aber auch verdrängt. Bei genauem Hinsehen wurden in den letzten Jahren mehrere Hundert Wald-Ameisenburgen durch ein in Mode gekommenes Waldbearbeitungsgerät dem Erdboden gleichgemacht. Es ist nur ein Faktor von vielen, von dem in Folge die Rede ist.

Strunkaufarbeitung
Strunkaufarbeitung - Foto H.P. Sorger

Etwa 85% dieser Völker werden sich nie mehr erholen. Der schon in den 20iger Jahren weltweit anerkannte Hymenopterologe (Insekten-Hautflügler-Forscher) H. Bischoff schrieb über die Renaturierung des Waldes durch Waldameisen: „Es muss hier (betrifft die Vertilgung von Schadinsekten) in erster Linie der Ameisen gedacht werden. Interessante Beobachtungen neuerer Zeit haben ergeben, dass ein Volk der roten Waldameise (Formica rufa L.), die praktisch als Waldpolizei bei uns allein in Frage kommt, einen Hektar gegen stärkeren Raupenfraß zu schützen vermag.“ Ist sie mit genügend hoher Nestdichte und Volksstärke vorhanden, dann wird sie zum wichtigsten Faktor zur Verhütung von Waldkrankheiten und somit zur Renaturierung des Waldes.

Sogar an Asseln machen sie sich ran
Sogar an Asseln machen sie sich ran - Foto H.P. Sorger

Das Beziehungsgefüge Waldameisen – Mikro – Mesoorganismen.

Die sogenannte Boden-Mesofauna findet sich auch im belebten Waldameisennest und besteht aus Bodentieren wie Hornmilben (Oribatiden) und anderen Milben (Acarina), Springschwänze (Collembolen) und spielen aufgrund ihres Individuenreichtums eine bedeutende Rolle; ihre Arten- und Individuenzahl ist ebenfalls im Nestbereich beträchtlich erhöht. Besonders die Hornmilben und Springschwänze sind als wesentliche Zersetzer der Waldstreu bekannt. Gemeinsam mit der Waldameise wirken sie der Denaturierung des Bodens entgegen, vorausgesetzt, dass die Ameisen durch notwendige Hege ihre naturgemäße Tätigkeit voll entfalten können. Baum-Stöcke werden beispielsweise schneller zersetzt und in Humus umgewandelt. Außerdem sorgen diese Tierchen durch den Durchgang von pflanzlichen Resten durch ihren Darm für einen Zelluloseaufschluss, welcher wiederum für die Humusbildung von Bedeutung ist. Nachweislich üben Waldameisennester auf den Wuchs verschiedener Waldbeeren und Pilze einen positiven Effekt aus. Selbst ihr Nestbau trägt enorm dazu bei, physikalische, chemische und biologische Verbesserungen des Bodens zu schaffen. Allein durch ihre Bautätigkeit wird die Erde gelockert, durchlüftet, mit organischer Substanz durchmischt und angereichert, tiefe, manchmal kalkreiche Schichten gelangen nach oben.

Holzstrünke werden zu Humus verarbeitet
Holzstrünke werden zu Humus verarbeitet - Foto H.P. Sorger

Förderung von Pflanzen- und Tierarten und des Pflanzenwuchses durch Waldameisen.

Wir wissen, dass die Pflanzenwelt die Existenzgrundlage der gesamten Tierwelt ist. Dies gilt auch für die Waldameisen, indem sie zu Nahrungszwecken Ausscheidungen von Lachniden (Pflanzenläusen) aufnehmen, welche selbst ihrerseits Nahrung von den saftführenden Leitungsbahnen (Siebröhren) der Bäume beziehen. Es gibt, vor allem in den USA, pflanzenschädigende Ameisenarten. Unsere einheimischen Waldameisen (Ausnahme ist die schwarze Rossameise (Camponotus herculeanus) hingegen verwenden ausschließlich abgestorbene Vegetabilien zu ihrem Nestbau. Durch die Einbeziehung toter Baumstrünke oder anbrüchiger Stämme wird der Pflanzenwelt kein Schaden zugefügt; im Gegenteil wissen wir, dass die Pflanzen im Nestbereich (30 Meter-Radius) der den Boden verbessernden Waldameisen nicht unwesentlichen Vorteil ziehen, und dass die Pflanzen vor Schadfraß bewahrt bleiben. Naturwidrige Eingriffe der Menschen in das ökologische Beziehungsgefüge des Waldes haben eine Verarmung an Pflanzen- und Tierarten in der Lebensgemeinschaft verursacht! Ehrhard Hausendorff, deutscher Forstwissenschaftler, hat bereits 1950 die Forderung aufgestellt: „Holzernte ist Waldbau.“ Eine Waldbewirtschaftung, die dem Dauerwaldgedanken folgt, muss die Eigengesetzlichkeit des Waldes in den Dienst des Menschen, seiner landeskulturellen, volkskulturellen und volkswirtschaftlichen Interessen stellen und nie mehr soll die Ernte, von Notmaßnahmen abgesehen, durch Kahlschlag erfolgen; denn diese vernichtet stets von neuem den Wald als Organismus bis in den Grund seines Wesens. Der Gebrauch eines Harvesters äußert sich mancherorts um ein Vielfaches schlimmer!

Wie ein Außerirdischer
Wie ein Außerirdischer - Foto H.P. Sorger

Im Einsatz gegen Forstschädlinge

Ein guter Beobachter kann in Hochgebirgslagen feststellen, dass Waldameisen unterschiedliche Samenarten mühsam, weit über die Waldgrenze hinaus nach oben schleppen. Wenn auch diese Samen als Futter dienen (Ölgehalt) und teils zu Bauzwecken, so geht doch ein Teil verloren und trägt dazu bei, die steilen Moränenwälle und lockere Gesteinswände durch Pflanzenwuchs zu festigen.
Vergessen wir aber nicht, welch enormen Schutz die Waldameisen vor Schadinsekten bieten. Die Reichhaltigkeit des Beutespektrums ist riesig, es umfasst mehr als 200 verschiedene Arten. Beginnend vom Maikäfer über den Buchdrucker, dem großen braunen Rüsselkäfer, Buschhornblattwespen, Schmetterlinge und Motten, Spanner und Eulenfalter, viele Spinnerarten und Glucken.

Sie schleppen das 100fache ihres Körpergewichts
Sie schleppen das 100fache ihres Körpergewichts - Foto H.P. Sorger

Ganzheit im Ökosystem des Waldes

Fassen wir die Nutzeffekte der Waldameisen und anderer Ameisenarten für Pflanze, Tier und Mensch zusammen: Bodenverbesserung, Naturverjüngung, Verbreitung von Samen, Nutzen in der Kulturlandschaft, Förderung von Wildäsung und Wild, Förderung selten gewordener Tierarten, Förderung der Vogelwelt und weiterer Nützlinge. Die Waldameise gehört zur Ganzheit im Ökosystem des Waldes, sowie zur Stabilisierung von Gesundheit und der Ertragsfähigkeit des Forstes. In vielen Bereichen Europas betreiben Waldbesitzer aus triftigen Gründen die Waldameisenhege und deshalb schließe ich mich den folgenden Worten von Prof. Karl Gösswein, einem bekannten Biotop- und Artenschützer an: „Insgesamt kommt der Waldameise in der Lebensgemeinschaft des Waldes eine kaum von einem anderen Schutzfaktor in Vielfalt und zugleich Ausmaß des Erfolges erreichbare Bedeutung zu. Die Auswirkungen der Waldameisen stärken insgesamt die Gesundheit des Waldes. Hervorzuheben ist einerseits die Einschränkung der Schädlinge, die weitgehende Schonung der Nützlinge, welche zum Teil auch mittelbare Förderung erfahren, allgemein die gute Koordination mit den wirtschaftlichen sowie gesundheitlichen und landschaftsbezogenen Interessen des Menschen.“

Ameisen mit Weichkäfer
Ameisen mit Weichkäfer- Foto H.P. Sorger

Entzug der Lebensgrundlage

Das Landschaftsschutzgebiet und der mit dem Prädikat Naturpark ausgestattete Weissensee bildet mit seiner Artenvielfalt eine positive Ausnahme im Kärntnerland. Ein Wert, welcher die Zukunft zu sichern vermag. Bezugnehmend auf den Einsatz des Harvesters wird immer wieder argumentiert, dass innerhalb von fünf Jahren die „Verwüstung“ durch Zuwachsen nicht mehr sichtbar sein wird. Dem kann niemand widersprechen, jedoch wurde dadurch – und dem kann ebenfalls nicht widersprochen werden – vielen selten vorkommenden, sensiblen Pflanzen und auch Tieren die Lebensgrundlage entzogen und sind in diesem Bewuchs nicht mehr vorhanden. Das fein ausbalancierte Ökosystem hat damit sein Gleichgewicht verloren und die unumstößlich wichtige Artenvielfalt – mit der sich die Region seit Jahrzehnten zu recht einträglich verkauft, wird, wenn man weiterhin in diesem Stil vorgeht sukzessive abgebaut und wir sägen mit Beständigkeit an dem Ast auf dem wir sitzen!

Ihr Hans Peter Sorger

Quelle: Karl Gosswald - Biologie, Ökologie und forstliche Nutzung der Waldameise

Gönnen Sie sich ein besonderes Naturerlebnis!

Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
Informationen + Anmeldung

Titelfoto Walter Windhorst

© Respect to Wildlife 2017