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Unterschiedliche Aspekte der Jagd

Im Spannungsfeld von Einst und Heute

Etwa 120.000 Österreicher, das sind 1,5% der Gesamtbevölkerung, üben in diesem Land die Jagd aus. Natur-, Arten-, Tier-, Umweltschützer und Andere halten die Hobby-Jagd für ein nicht mehr zeitgemäßes Freizeitvergnügen. Immer mehr Druck, auch in unseren Nachbarländern, wird gegen dieses "Jagdvergnügen" ausgeübt. Richtig ist: Selten ist ein Schuss ein Beitrag zum Artenschutz, Jagd hat jedoch nach wie vor ihre Berechtigung, wenn sie der herrschenden Gesellschaftsform und der Zeit angepasst ausgeübt wird.

Es ist vorstellbar wie sich ein solider Waidmann fühlen muss, wenn er liest was Karin Hutter in ihrem Buch: "Ein Reh hat Augen wie ein 16jähriges Mädchen" schreibt: "Der Jäger liebt die Natur wie der Vergewaltiger sein Opfer", und weiter: "Heutzutage pirschen an die 270.000 (BRD) Ersatzwölfe ohne Scheu durch unsere Landschaft und sind auf Beute aus. Ausgerüstet mit modernen Waffen, geländegängigen Fahrzeugen und präzisen optischen Geräten. Eine bewaffnete Truppe hält nahezu alles besetzt, was an "Natur" noch übriggeblieben ist. Von der Nordsee bis zu den Alpen. In den Revieren abgeschottet und unter ihresgleichen, ausgestattet mit Sonderrechten, wie kein anderer Amateursport-Verband, geht sie ihrem liebsten Freizeitvergnügen nach: Dem Nachstellen und töten von Tieren!"


Der Jäger als Spitzenräuber. Der DJV beruft sich auf die Faunenpyramide mit dem Jäger als "Stellvertreter" natürlicher Großräuber an ihrer Spitze. Selbst wenn Jäger wie einst Bär, Luchs und Adler jagen würden, entspräche die Basis nicht der Artenvielfalt unserer geschändeten Kulturlandschaft.
Wilhelm Bode/Elisabeth Emmert, Jagdwende. Vom Edelhobby zum ökologischen Handwerk. Verlag C.H. Beck oHG, München (=Beck'sche Reihe 1242)

Im weiteren ruft sie zum Widerstand gegen die Jagd auf und analysiert, was Jäger so anrichten und wie sie dies rechtfertigen. Mit Zahlen und Argumenten wird ihr Aufruf begründet. Naturschützer, Tierfreunde und Jagdgeschädigte sollen hier Argumente für ihr Eintreten gegen diesen Freizeitsport, der nichts anderes ist als "lodengrün verklärte Brutalität", finden. Mit ihren Aussagen umreißt sie einige Aspekte der Jagd, die sie anprangert - wie die von Jägern immer noch vertretene Behauptung: Jagd sei angewandter Naturschutz. "Aber Ökologie nach Jagdherrenart heißt doch Bekämpfung von "Raubzeug" wie Habicht und Fuchs mit Flinte und Falle, durchfüttern des Wildes zur Sicherung einer guten Trophäen-Ernte, Verbannung von Mensch, Katz und Hund aus dem Revier zwecks ungestörter "Hege". Werden "Abschießwaren" wegen weitgehender "Aberntung" von Wald und Flur oder aufgrund von Schutzgesetzen hierzulande knapp, gibt es noch das Ausland, wo Jäger gegen gute Devisen ungestört ihrer Lust frönen können und dabei noch glauben dürfen, einen Beitrag zum Artenschutz zu leisten". Bruno Hespeler, selbst Jäger und Autor zahlreicher Bücher, fragt in seiner kritischen Betrachtung "Jäger wohin?": "Wozu gebe ich mich als Jäger her? Reise ich zu einem sportlichen Ereignis nach Ungarn oder Spanien etwa, oder reise ich zu einem "jagdlich verbrämten" Wildnisaufenthalt nach Alaska? Hat das was ich dabei mache mit Jagd oder "Good sport" noch etwas zu tun, oder ist es nur ein gequältes Töten irgendeines zahmen, halbzahmen oder angekirrten Viehs, mit dem ich meinen gesellschaftlichen Status dokumentieren möchte?" Bode und Emmert verkünden in ihrem Buch "Jagdwende", dass der Jagd eine Vielzahl an Funktionen aufgebürdet wird, die das eigentliche Handwerk des Beutemachens in den Hintergrund treten lassen. Prestigeobjekt und Statussymbol, Förderung exklusiver Gruppenbindung, wirtschaftliches und politisches Schmiermittel, Tummelplatz naturschützerischer Zieldiskussionen - all das ist Jagd heute, auch wenn sie im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und Bewusstsein der Bevölkerung nur noch eine marginale Rolle spielt."

Das Jagdgesetz

Selbst jene vom Aussterben bedrohten Tierarten wie Waldschnepfe, Stein-, Schnee-, Hasel- und Auerhühner, Schlangen-, Zwerg- und Kaiseradler, der Adlerbussard und eine Reihe von Singvögeln unterstehen dem Jagdgesetz. Naturschutzgesetze haben darauf keinen Einfluss! Eine sonderbare Opportunität! Würmer, Schnecken, Käfer, Schmetterlinge, Lurche, Mäuse, Zaunkönig und Co überlässt die Jagdbehörde den Naturschützern. Die Aussage eines Kärntner Jägers in einer Tageszeitung: "Bei totaler Schonzeit der Raufußhühner würde das Aus vorprogrammiert sein." Welches Aus? Das Aus des "sportlichen Wohlgefühls" ihn erschossen vom Baum fallen zu sehen? Oder meint er gar das Aus für's Auerwild? Seltsam - viele, vor der Ausrottung durch ganzjährige Schonung bewahrte Wildtiere, wie Steinadler, Otter und Biber haben sich gut erholt! Und mit den Worten: "Ich empfehle das Jagdliche den Jägern zu überlassen, denn wir Jäger sind die besseren Tierschützer", setzt er der Dummdreistigkeit die Krone auf. Jährlich werden allein in Österreich eine Million Wildtiere von Jägern erschossen. 40.000 Haustiere wie Hunde und Katzen, ja sogar Ziegen, wie in jüngster Zeit bekannt wurde, fallen der Schießlust von Jagdausübenden zum Opfer. In letztgenannten Fällen spricht die Jägerschaft von schwarzen Schafen, jedoch die Absicht diese schwarzen Schafe für immer aus ihren Reihen zu verbannen, lässt sich nirgendwo erkennen.

Teichfrosch
Foto J. Zmölnig
Feuersalamander
Foto H.P. Sorger
Weinbergschnecken
Foto M. Siller
Erdkröten
Foto J. Zmölnig

Teichfrosch, Erdkröte, Weinbergschnecken und Feuersalamander unterstehen dem Naturschutzgesetz. Großzügig verzichten die Jäger darauf sie zu schießen.

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Die Jagd ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor

Anders gesehen erfüllt die Jagd verschiedene wichtige Aufgaben. Das beginnt bereits bei der Wildbretnutzung. Bei ökologisch richtiger Bejagung wird weder eine Art noch die Population gefährdet. Es handelt sich um Fleisch von "glücklichen" und nicht industriell produzierten Tieren. Auch die Regulation wegen Schadensbegrenzung zwecks naturnaher Waldverjüngung, positive Einflussnahme gegen Seuchen, Erhaltung einer vielfältigen Kulturlandschaft sind verpflichtend. Die Jagd ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Im Jahre 2000 schätzte man die Ausgaben für die Jagd bundesweit auf mehr als 2,8 Milliarden Schilling. Allein die Pacht frisst im Schnitt 48% der Gesamtkosten, der Rest verliert sich in Jagdscheingebühren, Versicherung, Wildschadenersatz, Jagdeinrichtungen und Jagdausrüstung. Doch der allgemeine Tenor Jagdausübender: "Wir müssen so viel bezahlen, um jagen zu dürfen und wollen deshalb ungestört sein!" ist eine Fehleinschätzung der bestehenden Gesellschaftsordnung, denn niemand "muss", es ist jedermanns freiwillige Entscheidung! Die Jagd an sich aber als nicht mehr zeitgemäß zu betrachten setzt ein anderes Bewusstsein der menschlichen Gesellschaft voraus. Die Abschaffung zu betreiben erfordert die Ausschaltung tausendjähriger "Tradition", resultierend aus mehreren Faktoren. Der entlarvendste davon ist wohl jener aus dem Buch von Johann Tänzern und Johann Wilhelm von Bärson "Hohe und Niedere Jagd=Geheimnisse" und "Der Edle Hirsch=gerechte Jäger", Leipzig, 1734. Darin schreibt der Verleger von DIANEN "Dem Hochwürdigsten und Durchlauchtigsten Fürsten und "Hrn. Heinrich, Herzogen zu Sachsen, meinem gnädigsten Fürsten und Herrn":
"…Der Krieg und die Jagd, werden, schon in den entferntesten Zeiten, als rühmliche Beschäftigungen Fürstlicher Personen angegeben, und die allerältesten Uhrkunden, die uns von den ersten Teutschen Nachricht ertheilen, beschreiben unser Vaterland selbst nicht anders als einen grossen Wald, ieden Teutschen aber als einen Jäger und Soldaten, der einerley Gewehr im Kriege wider den Feind, und zu Friedens=Zeiten wider das Wild, gebrauchet. Im Kriege haben Ew. Hochfürstl. Durchl. so rühmliche Proben der von denen Durchlauchtigsten Vorfahren Ihro angestammten Teutschen Tapferkeit abgeleget, daß ausser dem Krieg allein die Jagd, welche doch selbst eine Art des Krieges zu nennen, geschickt ist, Dero helden=Muth auf anständige Weise zu ergötzen..."
Was aber ist an der heutigen Jagd heldenmütig?

Seeadler vergiftet oder abgeschossen

Angesichts fehlender Großbeutegreifer, veränderter Umweltbedingungen sind menschliche Eingriffe und Maßnahmen erforderlich geworden. Die Jagd wäre ein Faktor, jedoch bei allem Respekt - sie bedarf Handwerker und nicht prahlender, aus Lust tötender Mundwerker! Erstere gibt es, abgesehen von Berufsjägern, allerdings nur in einem kleinen Ausmaß. Jene 95% durch eine Umfrage eruierten "Weidmänner" welche die Jagd ausüben und den Unterschied zwischen einer Turmfalkenfeder und der Stossfeder einer Auerhenne nicht kennen, haben sich nicht einmal oberflächlich mit Greifvögeln und den heimischen Raufußhühnern beschäftigt. Und die 30%, welche einen Huflattich vom Löwenzahn nicht zu unterscheiden vermögen, haben nicht das Recht von Naturverbundenheit zu schwärmen. Ein Kompliment jenen Jägern, die unsere Blumen, Bäume, Gräser und die Vogelwelt kennen. Bär, Luchs und Fischotter beschützen und ihre Plan-Abschüsse weidgerecht erledigen, damit durch Wild entstehende Schäden weitgehend eindämmen und ohne Argwohn oder Schusslust den sich hoch schraubenden Steinadler, Gänsegeier und Falken mit Interesse zusehen. Wenn Aufsichtsjäger über jenes Jagdpachtmitglied, welches eine führende Hirschkuh zur Strecke brachte, klagen und wenn Hirschkalbabschüsse angeordnet werden ohne zu bedenken, dass deren Mütter über Kimme und Korn nicht mehr sichtbar werden, dann sollte man über richtiges Ansprechen und Logik diskutieren. Und wenn ungeachtet des Verbotes tonnenweise Äpfel in der Hirschbrunft ausgelegt, Seeadler vergiftet oder abgeschossen werden, dann ist das 1. eine Disziplinlosigkeit und 2. schlichtweg eine Ungeheuerlichkeit, die auch den aufrechten Handwerkern dieser "Zunft" erheblichen imagemäßigen Schaden zufügen.


Durch Gift und Schrot fällt er dem Konkurrenzneid zum Opfer - der Seeadler - Foto W.A. Bajohr

Verlust von Auer- und Birkwild

Anfang der 50er Jahre gab es 5 verschiedene Sportarten: Langlauf (ungespurt), Winterskilauf alpin (unpräpariert), Bergwandern, Klettern, Paddelbootsport. Heute haben sich mehr als 40 verschiedene Sportarten vom Helikopter-Skiing bis über Schluchtengehen, Paragleiten und Mountainbiking etabliert. Es sind erhebliche Eingriffe in die Natur. Das Verhalten des Wildes hat sich geändert. Mancherorts sind gute Birk- oder Auerhuhnbestände durch den "Greifvogeleffekt" des Gleitflugsportes verschwunden. All zu oft werden beim Hangsoaring (Aufwindnutzung nahe am Berg) Gämsen und Hirsche zum Spaß gehetzt. Selbst die Interessensvertretung der Kärntner Jäger, die Kärntner Jägerschaft, wagt das heiße Eisen eine, wie in anderen Bundesländern üblichen, Reglementierung von Start- und Flugzeiten anzustreben nicht anzufassen. Kein Mensch mit Ratio beabsichtigt eine der Sportarten zu verbieten, aber ein Miteinander kann es nur dann geben, wenn man sich gegenseitig respektiert und erkennt, dass sich die Zeiten geändert haben. Die seinerzeit von Fürsten vehement erfolgte Vertreibung von Privatpersonen aus den Wäldern ist Schnee von gestern. Der Touristenstrom ist außerhalb der mehrwöchigen Schwammerlsaison weitgehend kanalisiert und den Uneinsichtigen beizukommen, ist immer schon ein schwieriges Unterfangen gewesen. Keine, auch nicht in mehreren Sprachen verfasste, Pilzsammel-Verbotstafel schreckt auch nur einen Deutschen, Italiener, Österreicher, Genusstiger oder Geschäftemacher vom durchstreunen der Wälder ab. In der Hochsaison wurden 63 verschiedene Personen während eines Tages auf einer Fläche von etwa einem Quadratkilometer allein am Kreuzberg gezählt. Das Wild weicht zwar aus, flüchtet aber in der Regel nicht panisch, wird jedoch, wie auch aufgrund der Bejagung selbst, als Nebeneffekt zunehmend nachtaktiver. Eine Regulierung wird dadurch erschwert. Abschusspläne sind nur mehr von Jagd-Handwerkern zu erfüllen, jeder unter Zeitdruck stehende Hobby-Jäger verzweifelt.


Durch die Jagd einst ausgerottet wurde der Bartgeier wieder angesiedelt, nun wird er ganzjährig geschont und sein Bestand nimmt allmählich wieder zu - Foto J. Zmölnig

Eine Entwicklung die bedacht werden muss

In der Brockhaus Enzyklopädie ist zu lesen: "Das Jagen bildet zusätzlich mit dem Sammeln für den weitaus längsten Teil der Geschichte die Lebensgrundlage des Menschen. Vor 30 000 Jahren wurde die Speerschleuder erfunden. In späterer Folge Pfeil und Bogen. Durch diese ersten Fernwaffen erhielt die Jagd eine neue Dimension. Die heutige Jagd hat außer für professionelle Jäger nichts mit der Sicherstellung des Lebensunterhaltes zu tun, sie verlor durch Ackerbau und Viehzucht ihre lebenserhaltende Rolle." Bei uns ist sie zum Teil wieder zur Selbstbestätigung und Prestigesache geworden, jedoch in einem für Alle zugänglichen Wald. Das erschwert den Jagderfolg. Jäger sind nicht mehr unter sich, doch einige von ihnen fordern Alleinherrschaft in ihren Revieren. Sie verbieten das Begehen uralter Wandersteige und vertreiben Touristen aus dem Forst - das ist mit ein schwerwiegender Grund, was den Widerstand provoziert. Nur jene die erkannt haben, dass sich die Gesellschaftsform und die Zeit grundlegend geändert haben, werden den Umgang eines Miteinanders problemlos zu handhaben verstehen.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto J. Zmölnig:
Teichfrösche unterstehen dem Naturschutzgesetz.

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