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Der Bartgeier zieht wieder seine Kreise

Gypaetus barbatus

 
An einem heitern Tage
lag das Kindlein vor der Thür,
als mit grimmem Flügelschlage
naht ein Geier voller Gier,
und er hielt mit seinen Klauen
in den Windeln es sehr fest,
trug's entsetzlich anzuschauen
in sein hochgelegnes Nest.
(15. Jhdt. Autor unbekannt)
 

Mythen, Sagen und Historie

Solche und ähnliche Geschichten erzählte man noch vor 100 Jahren, um die Gefährlichkeit des Bartgeiers (Gypaetus barbatus) aufzuzeigen. Schon Brehm hat diese als Unsinn erkannt und nennt in seinem Buch "Brehms Thierleben" den Bartgeier "das edelste Mitglied der gesamten Zunft" und er schreibt weiter: "Das Volk liebt es, jeden großen Raubvogel, welcher sich sozusagen eines Verbrechens an dem Eigentum des Menschen schuldig gemacht hat, als Lämmergeier zu bezeichnen. Ein so verrufener Name entschuldigt vieles: die Furcht sieht doppelt und die Einbildungskraft ist geschäftig, wenn es gilt, ein Schauergemälde auszumalen." Obwohl Geier im Fluge sehr majestätisch und faszinierend aussehen, sind sie in unseren Landen seit jeher aufgrund ihrer Lebensweise (Aasfresser) zumeist keine Sympathieträger. Im Altertum allerdings spielten Geier als Leichenbestatter und Totenvögel nicht nur in Tibet (tibetanische Mönche servierten ihre verstorbenen Mitbrüder den Geiern auf dafür vorgesehenen Felsplatten) sondern auch in Spanien eine gewichtige Rolle. Auch galten Geier in weitzurückreichenden Religionen und Hochkulturen als Mittler zwischen Leben und Tod, denn man glaubte, dass sich im Leib dieser riesigen Vögel die Verstorbenen hinaufschwingen zu neuem Leben. Die Organe dieses Großvogels empfahl man der Volksmedizin und verwendete sie in der Zauberei. Geierfedern fanden als Schmuck und Schreibgeräte Verwendung und zur Fertigung von Flöten dienten ihre langen Unterarmknochen. Aristoteles (384-322 vor unserer Zeit) beschrieb einige dieser Kadaververwerter in seiner "Physics" und begründete damit unsere heutige Terminologie. Jedoch ist die Bezeichnung "Geier" weitab eines zoologischen Begriffes, denn er umfasst lediglich ein Sammelsurium von großen Greifvögeln, die sich in der Hauptsache von Aas ernähren. Vor ca. 150 Jahren war der Bartgeier in allen südeuropäischen Bergregionen weit verbreitet doch wurde er aus Unwissenheit und Angst sukzessive ausgerottet! Heute zählt der Bartgeier mit maximal 100 Paaren zu den seltensten Geiern Europas.


Foto J. Zmölnig

Über 1000 Kilometer Flugdistanzen in zwei Tagen sind keine Seltenheit

Da diese Vögel äußerst nutzbringende Zeitgenossen sind, wurde in den 80er Jahren ein internationales Wiederansiedlungsprojekt von Bartgeiern ins Leben gerufen. Bis im Jahre 2001 setzten die Betreiber im gesamten Alpenbogen 109 Jungtiere im Alter von etwa 3 Monaten frei. Davon 45 in Frankreich, 33 in Österreich, 21 in der Schweiz und 10 in Italien. Die noch flugunfähigen Jungvögel erhalten bis zum Ausfliegen und darüber hinaus regelmäßig Futter. Eine bewährte Methode, zumal sich bei vielen Greifvogelarten das Phänomen der Nistplatzprägung ( = Fixierung auf Ort, Freilandverhältnisse und Nesttyp) einstellt. Das führt dazu, dass manche der vorerst abgewanderten Jungvögel, etwa vier bis fünf Jahre später, nach Erreichen der Geschlechtsreife zum Freilassungsplatz zurückkehren. Dies ist eine wichtige Voraussetzung zur Gründung einer lokalen Population. Die Tiere sind nicht mit im Flug störenden Sendern bestückt, sondern es werden kurz vor der Freilassung einige Federn gebleicht und jeder einzelne Bartgeier wird mit einem individuellen Muster versehen. Zwar ist diese Form der Kennzeichnung in ihrer Haltbarkeit zeitlich begrenzt, (Vollmauser dauert 2-3 Jahre), deckt aber die Wanderphase der Tiere im wesentlichen ab. In ihren ersten 3 - 4 Lebensjahren ziehen sie im Alpenraum umher (das geringe Gewicht von 5 - 6 Kilogramm entlastet ihre Flügel pro Flächeneinheit enorm und macht sie zu ausgezeichneten Segelfliegern, die nicht wie andere Geierarten auf Warmluftströmungen angewiesen sind) - über 1000 Kilometer Flugdistanzen in zwei Tagen sind keine Seltenheit -, suchen aufgrund ihrer monogamen Veranlagung einen potentiellen Lebenspartner und wegen ihres stark ausgeprägten Territorialverhaltens ein geeignetes Revier. Von 100 bis 400 km² beträgt der Ernährungsraum eines "verehelichten" Paares.


Flugbild: Steinadler und Bartgeier - Foto J. Zmölnig

In der Regel kommt nur ein Junges durch

Frühestens im Alter von 5 Jahren und gleichzeitig mit der Anlegung des Erwachsenenkleides beginnt das in ständiger Ehe lebende Paar zu brüten. Ihr Interesse für einen geeigneten Brutplatz keimt bereits im Oktober und Anfang November beginnen sie mit ihren spektakulären Balzflügen. Abwechselnd übersteigen sie sich bei gegenseitiger Verfolgung im Flug. Während sich der Untere auf den Rücken wirft, packen sich beide an den Fängen und lassen sich in einem Durcheinander von Flügeln in die Tiefe trudeln. Knapp über dem Boden lösen sie sich voneinander und dieses höchst beeindruckende Spiel beginnt von vorne. Mitunter führt das Paar Synchronflüge durch indem es nur wenige Dezimeter übereinander, bewegungsgleich wie eine Doppeldecker-Kunstflugmaschine, segelt. Die sonst so selten hörbaren Greifer pfeifen und trillern lautstark und signalisieren somit weithin ihre Zusammengehörigkeit. Ihren Horst bauen sie gemeinsam ab Mitte November in unzugänglichen Felswänden, Nischen oder Kleinhöhlen. Das Weibchen legt Ende Dezember - also in der kältesten Jahreszeit - 1 bis 2 Eier, welche von beiden Elternteilen innerhalb von 55 bis 60 Tagen ausgebrütet werden. 100 bis 110 Tage beträgt die Nestlingszeit und in der Regel kommt nur ein Junges durch.

Außergewöhnlich: Ein Vogel der sich schminkt!

Das wichtigste Kennzeichen des Bartgeiers ist sein langer, keilförmiger Schwanz und die beachtliche Spannweite von bis zu 2,80 Meter. Damit gehört diese Art zu den größten flugfähigen Vögeln dieser Erde und können ein Alter von 40 Jahren erreichen. Das Gefieder ist im Jugendalter gleichmäßig dunkelbraun bis grau. Die Ausfärbung findet zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr statt. Bürzel, Brust Hals und Kopf, unterbrochen von einem schwarzen Augenstreif, schmückt ein weißes Federkleid. Nicht lange, denn ihre Vorliebe für die Farbe rot zieht sie hin zu eisenoxidhältigem Schlamm. Finden sie solche rostroten Suhlen, stolzieren sie tappenden Schrittes in sie hinein als beabsichtigten sie die Masse gut durchzumischen. Mit weit aufgerissenem Schnabel schöpfen sie das Gebräu auf, schwenken dabei ihren Kopf hin und her und kosten die Konsistenz, in die sie sich schlussendlich hinein legen und bis zu einer Stunde darin baden. Im schneeweißen Brustgefieder lagert sich der rostrote Farbstoff ein und zeugt von einzigartigem, bartgeiertypischem Schminkverhalten. Fachlich allerdings wird dieser Vorgang als Färbeverhalten bezeichnet und deutet auf genetisch verankerte Verhaltensabläufe hin.


Flugbild: Gänse- und Bartgeier - Foto J. Zmölnig

Ein Knochenbrecher besonderer Art

Mit Fallwild oder auf den Almen verendetem Nutzvieh räumt der Bartgeier vollends auf. In ausgedehnten Suchflügen, wobei er in 50 bis 70 Metern Höhe in vollendetem Segelflug über die Geländeformationen streicht, findet er die Kadaver. Was Raben, Adler, Bär, Fuchs und Gänsegeier nicht nutzen - Sehnen, Haut und Knochen - verdrückt der Bartgeier. Der Verzehr von Letzterem (gute 80%) ist eine Spezialität von ihm. Dafür besitzt er eine außergewöhnlich große Mundspalte, welche ihm erlaubt sogar 20 Zentimeter lange und 5 Zentimeter dicke Knochen unzerkleinert zu schlucken. Schulterblätter von Schafen, Rinderwirbel, Gamsoberschenkel gelangen durch den sehr dehnbaren Schlund mühelos in den Magen. Besonders scharfe Verdauungssäfte sorgen dafür, dass diese harte Nahrung innerhalb von 24 Stunden restlos aufgelöst und abgebaut wird. Nur Klauen, Hörner und Federn werden nicht verdaut und als Gewölle wieder ausgewürgt. Der Bartgeier betätigt sich sogar als Knochenbrecher indem er großes Gebein hoch (70-80 Meter) in die Lüfte trägt und zielsicher über felsigem Grund solange abwirft, bis es zersplittert. In südlichen Ländern verfährt er in gleicher Form mit Schildkröten. Geeignete Felsplatten werden für diesen Zweck immer wieder aufgesucht. Kleinsplitteransammlungen kennzeichnen solche Plätze welche man als "Knochenschmieden" bezeichnet. Eine Ernährungsart, die diesem Großvogel den Vorteil der Konkurrenzlosigkeit sowie eine lange Verfügbarkeit der Nahrung bietet. Noch monatelang, nach dem Tod eines Beutetieres, kann ein Gerippe verwertet werden. Selten greift der Bartgeier lebende Tiere an, jedoch ich habe selbst beobachtet wie Ende Oktober 2002 ein solcher Vogel in der Latschurgruppe exponiert stehende Gämsen überfallsartig anflog, um sie über Felskanten zum Absturz zu bringen.


Wer kann sie unterscheiden? - Foto J. Zmölnig

Eine sensationelle Beobachtung im Gailtal/Ktn. Österreich

2004, eingeladen von der Kirchbacher Wipfelalmnachbarschaft bezüglich der Bärenriss- und Vorkommensermittlung, beobachteten die Zoologin Manuela Siller und ich im Zuge unserer Feldforschungstätigkeit, von Juni bis September, in relativ kurzen Abständen zwei adulte, gemeinsam fliegende Bartgeier am und im Umfeld des Hochwipfels. Noch wissen wir nicht, um welche Geschlechter es sich handelt, ob sie rein zufällig oder aus strategischen Gründen miteinander fliegen oder ob sie ein Paar sind und künftig eventuell in den Felswänden dieses Gebietes brüten. Schon allein diese Beobachtung ist sensationell, zumal 1880 der letzte in Österreich lebende Bartgeier in den Hohen Tauern erschossen wurde. Da wir, das Team von Respect to Wildlife, am internationalen Monitoring des Bartgeierprojektes (Dr. Richard Zink, monitoring@aon.at), Monitoring Österreich (Dr. Gunther Greßmann, beobachtung@gmx.net) Brutpaarüberwachung und Monitoring (Mag. Michael Knollseisen, bartgeier@gmx.at) mitarbeiten, werden wir mit wachsamen Augen die weitere Entwicklung observieren, denn das Verbreitungsgebiet dieser seltenen Geierart droht immer mehr zu schrumpfen. Seit 1850 sind die Vorkommen in Nordafrika, Spanien, Frankreich, Italien, im gesamten Balkan, Griechenland und der Türkei um mehr als 90% zurückgegangen. Hauptursachen sind direkte (Abschuss) und indirekte (Giftköder gegen sogenanntes "Raubzeug") Verfolgung durch den Menschen. Allein in der Türkei, in der vor 100 Jahren noch etwa 200 dieser Tiere lebten, reduzierte sich der Bestand auf 24 Individuen. Am griechischen Festland - einst bestens bestückt - ist heute die Population so gut wie erloschen. In Russland existieren noch 30 Paare und in Ägypten, Algerien sowie Marokko zusammengenommen leben heute höchstens 200 Bartgeier.
Info: Die Ausgaben der Bartgeier - News können unter www.hohetauern.at oder unter www.egsoesterreich.org kostenlos heruntergeladen werden.


Ein in Osttirol lebender Hoffnungsträger - Foto J. Zmölnig

Wir brauchen diesen prächtigen Vogel

In der Hauptsache ernähren sich diese Großgreifer von Kadavern wilder Huftiere, besonders von Gämsen und zu einem großen Teil von verendeten, gealpten Haustieren. Stehen dem Bartgeier im Sommer durch Absturz oder Krankheiten verendete Nutztiere zur Verfügung, so ist er im Winter ausschließlich auf Wildtierkadaver angewiesen. Bei Ausbruch von Seuchen (Räude, Gamsblindheit), Verhungern im harten Winter, in Lawinen geraten oder durch Absturz, beim Versuch an extremen Stellen Nahrung zu finden, liegt so manch verendetes Tier in tiefen Rinnen. Hier leistet der Bartgeier großartige Entsorgungsdienste und deshalb brauchen wir diesen prächtigen Vogel. Als Kadaververwerter spielen Geier eine wichtige Rolle im Ökosystem und tragen auf ihre Weise zu einem funktionierendem "Recycling" bei.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto J. Zmölnig

Text: Hans Peter Sorger
unter Mitarbeit der
Zoologin Manuela Siller

© Respect to Wildlife 2017