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"Grimbart" der Dachs

Meles meles

Während in China heute noch Dachse massenhaft als Delikatessen gezüchtet werden, verwendeten unsere mittelalterlichen Ahnen nur das Dachsfett zum Einreiben gegen Rheumatismus. Obwohl Dachsfleisch sehr schmackhaft ist, kommt es bei uns kaum auf den Markt. Nutzen ziehen wir heute noch aus seinen Haaren. Hochwertige Rasierpinsel, aber ebenso Pinsel für die Malerei werden aus Dachshaaren hergestellt. Außerdem stellt er Mäusen, Insekten und der Larve des Maikäfers - dem Engerling nach.

Der zur Familie der Marder gehörende Dachs kann bei einer Länge von 90 cm ein Gewicht von 20 kg auf die Waage bringen. Somit ist er der größte Marder Mitteleuropas, ein Allesfresser, dessen Speisezettel zwei Drittel aus Vegetarischem besteht. Obst, Samen, Gräser, Knospen und Pilze verzehrt er ebenso leidenschaftlich wie Insekten, Engerlinge, Schnecken, Mäuse, Junghasen, Vögel, gelegentlich auch das Gelege von Bodenbrütern und Aas. Verbreitet ist der Dachs in allen gemäßigten Zonen. Von Portugal bis Russland, Asien, China und Japan fühlt sich diese Marderart zuhause. Bevorzugt lebt "Grimbart" in jeglicher Art von Wäldern und ich habe ihn im Gebirge in Höhen von über 2000 Meter beobachtet. In den 70er Jahren hatten Dachsbestände durch das sogenannte Ausräuchern der Rotfuchsbaue erhebliche Rückgänge erfahren, nun aber haben sie sich wieder erholt und treten stellenweise sogar recht häufig auf. Der Schaden, den er durch seine Vorliebe für milchreifes Getreide und Mais anrichtet wird ihm von uns angedichtet, ist in Wahrheit unerheblich und steht in keinem Verhältnis zu seinem Nutzen! Allein der Verzehr von den eingeschleppten orangen Nacktschnecken macht ihn zu einem sympathischen Zeitgenossen. Sein weißes Gesicht und die beidseitigen schwarzen Streifen, welche vom Maul bis hinter die Ohren reichen sind signifikante Erkennungsmerkmale. Unterseits ist sein Fell schwarz, hingegen sind die Oberseite silbergrau und die darunterliegende Haut rosarot gefärbt. Diese Tiere sind dämmerungs- und nachtaktiv und sehr tapfere Gesellen die selbst dem Bären, mit dem sie weitschichtig verwandt sind, die Zähne zeigen, ihm höchstens ein wenig ausweichen, aber niemals fluchtartig Reißaus vor ihm nehmen.

Fünf Meter unter der Erde

Vermutlich kann ein Dachsbau über Jahrhunderte benutzt werden. Kommende Generationen fügen Wohnkammern hinzu und erweitern die Gänge. Kaum vorstellbar, dass ein in England untersuchter Dachsbau fast einen Kilometer lange, zusammenhängende Tunnelgänge aufwies und mit 50 Kammern und 178 Eingängen, welche gleichzeitig als Entlüftungsschächte dienten, bestückt war. Meist gräbt der Dachs im festen Waldboden seinen Bau. Der Durchmesser der Röhre liegt bei etwa 30 Zentimeter, dann buddelt er sich 5 Meter in die Tiefe und legt dort seinen Wohnkessel an. Mit ihm verbindet er mehrere Ausgänge an die Oberfläche, welche zudem für Frischluftzufuhr sorgen. Räume und Röhren hält er peinlich sauber und polstert im Gegensatz zum Fuchs den Kessel mit trockenen Gräsern, Farnen, Laub und Moos aus. Schon nach einem Lebensjahr sind Dachse geschlechtsreif. Im Juli / August ist Paarungszeit, in der hauptsächlich junge Fähen gedeckt werden, während Ältere sich bereits unmittelbar nach dem Werfen, im Februar / März, mit dem dominanten Männchen paaren. Ist ein Ei befruchtet tritt es eine mehrmonatige Keimruhe an. Damit der Nachwuchs nicht im Dezember oder Januar, sondern in einer besseren Nahrungsangebotszeit zur Welt kommt, nistet sich die befruchtete Zelle erst etwa zwei Monate vor dem Werfen in die Gebärmutterschleimhaut ein und beginnt sich zu entwickeln. Sechs Junge kann ein Wurf erbringen, meist aber sind es nur zwei, rein weiß behaarte, 12 Zentimeter Zwerglein, deren Augen an die 35 Tage geschlossen bleiben. Die Milchzähne brechen schon nach 30 Tagen durch und nach drei Monaten sind sie fähig sich selbst zu ernähren, dennoch säugt sie das Muttertier vier Monate lang und führt sie weitere 10 bis 20 Wochen.


Foto RtW Archiv

Polygam aber dennoch ein Leben lang zusammen

Unsere heimischen Dachse leben gemeinsam in einem Bau und in klar umrissenen sozialen Sippen oder Gruppen, zu denen 10 und mehr Einzeltiere gehören können. Tagsüber halten sich die Familienverbände unterirdisch im Hauptkessel und in Nebenkesseln auf. Während die weiblichen Ableger eines Dachspaares zumeist im elterlichen Bau bleiben und Nebenkammern bauen, gehen die Männchen auf Reviersuche. Ein dominantes Paar verbleibt stets in den selben Höhlen und ein Leben lang zusammen. Dennoch paaren sich rangniedere Weibchen mit dem dominanten Männchen. Dieser wiederum duldet keinen älteren männlichen Artgenossen in seinem unterirdischen Umfeld; er wird alles unternehmen, den Rivalen zu vertreiben. Grimbarts verfügen meist über ein nicht größeres Revier als 15 bis 20 Hektar. Diese Kleinareale werden verteidigt, mit Sekreten aus der Subcaudaldrüse markiert und viele Latrinen, sogenannte Kotgruben angelegt, in welche sie sich mehrmals lösen. Drüsensekrete informieren! Ihr Duft lässt einzelne Artgenossen erkennen und zuordnen. Mitunter setzen Dachse im Handstand ihre Markierungen in höher gelegenen Positionen wie an Bäumen, Steinen oder Zaunpflöcken ab, in dem sie sich mit dem Hinterteil in Höhen um die 40 Zentimeter reiben. Im Moorland brauchen Dachse wesentlich größere Territorien, 2000 Hektar sind keine Seltenheit. Diese allerdings werden nicht verteidigt, die einzelgängerischen Tiere streifen in ihnen umher. Zwar kann es bei Begegnungen durchaus zu Raufereien kommen, zumeist aber gehen sie sich aus dem Weg. Begegnen sich Mitglieder einer Gruppe, dann reiben sie sich mit ihren Drüsensekreten gegenseitig ein.

Grimbart der Dachs und Reineke der Fuchs

Meine jahrelangen Beobachtungen führten zu interessanten Ergebnissen. Am Mitterling in den karnischen Alpen, bei Kirchbach im Gailtal, gibt es gut versteckt einen ziemlich großen, mit 12 Röhren versehenen Bau, den Dachs und Fuchs gemeinsam bewohnen. In ihrem Verhalten dokumentieren beide ihre Unabhängigkeit, gehen unterschiedliche Wege und teilen sich ohne Streitereien ihren Wohnbereich. Während der Bau für den Fuchs, außerhalb der Jungenaufzucht, nur das Zentrum seines Reviers darstellt, zieht sich der Dachs täglich in ihn zurück. Er hält darin auch seine Winterruhe und verlässt seinen Wohnkessel mitunter bis zu zwei Monaten überhaupt nicht. An warmen Wintertagen allerdings stapft er durch den Schnee, setzt Harn und Kot ab und kann sich bis zu einem Kilometer von seinem Bau entfernen, alsbald kehrt er wieder zurück und schläft beruhigt dem Frühjahr entgegen. Seine Fährten ähneln dem eines Miniatur-Bären, denn auch er ist ein Sohlengänger und tritt mit fünf Zehen auf. Ebenso gibt es am Weissensee eine Anlage mit acht Röhren und in den Gailtaler Ausläufern des Jauken eine mit 15 Röhren bestückte "Wohnanlage", welche vom hundeartigen Fuchs und dem marderartigen Dachs befahren sind. Ein besonderes Erlebnis ist es allemal, beide Arten zu beobachten, wenn sie im Frühjahr gleichzeitig, Tür an Tür sozusagen, ihren Nachwuchs großziehen. Im Morgengrauen warten beide Jungtierarten auf die Rückkehr ihrer nahrungssuchenden Eltern, tollen herum, balgen und spielen gemeinsam ohne Aggressionen. Kehrt jedoch eines der Alttiere zurück trennen sich die Spielenden augenblicklich. Noch nie habe ich beobachtet, dass ein artfremdes Jungtier ein artfremdes Elterntier um Nahrung angebettelt hätte, obwohl auf beider Arten Speisezettel so ziemlich dasselbe steht.


Foto RtW Archiv

Schwerarbeit ist sein Hobby

Seine überaus kräftigen Vorderbeine mit den fünf krallenbewährten Pranken ermöglichen dem Dachs solche ausgedehnten Grabarbeiten in die Tiefe des Waldbodens. Hat er einmal als Beute ein Mäusenest ausgemacht, hält ihn nichts mehr zurück. Er buddelt mit Aufmerksamkeitsverlust seinem Umfeld gegenüber bis er am Ziel ist. Bei Wespen- und Hummelnestern in Erdhöhlen kennt er keinen Pardon. Wird er in die Schnauze gestochen, beutelt er sich höchstens und gräbt unvermindert weiter bis er die proteinreichen Larven erbeutet hat und sie genüsslich verdrückt. In der Ramsau in Steiermark beobachtete ich in den frühen Morgenstunden einen Hünen von Dachs, welcher in einem Obstgarten einen reich an Zwetschken bestückten Jungbaum schüttelte, dass die Früchte nur so herab purzelten. Mit lautem Geschmatze fraß er an die zwei Dutzend von ihnen, ehe er sich watschelnd in den nahen Wald davon machte. Baumstämme, unter denen er Schnecken, Regenwürmer und Insektenlarven mit seinem ausgezeichneten Riechorgan wahrnimmt, drückt er mit seinem Hinterteil von der Stelle indem er im Rückwärtsgang wie ein Verrückter schiebt und stößt. Hat er sich sein nötiges Fett für die Winterruhe einmal angefressen und man sieht ihn durch das Unterholz eilen, dann scheint es als würde er auf Rädern fahren, weil seine kurzen Beine kaum mehr zu sehen sind. Wenn wir sein gesamtes Verhaltensbild betrachten ist "Grimbart" ein drolliger und nützlicher Geselle, auch wenn er manchmal einen Garten durchpflügt. Seien wir tolerant - er tut es nicht aus zerstörerischem Unmut - sondern er räumt mit Engerlingen, Maulwurfsgrillen und Wühlmäusen auf.

Ihr Hans Peter Sorger

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