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Denken Tiere?

Wenn wir Tiere - egal ob Haus - oder wild lebende Tiere - aufmerksam beobachten, fällt es schwer ihnen ein Gedächtnis abzusprechen. Im Klartext heißt das, dass Tiere denken. Obwohl in Fachkreisen endlos darüber gestritten wurde, worin der Unterschied zwischen dem tierischen und menschlichen Denken besteht. Fest steht, dass wir mit unseren geistigen Möglichkeiten nicht in die Geistestätigkeit der Tiere eindringen können. Uns bleibt also nur das Beobachten von außen.

Bereits in meiner Jugend beschäftigten mich folgende Erlebnisse: Zu meinem 13. Geburtstag bekam ich von meinem Großvater, seines Zeichens Landwirt und Pferdezüchter, ein dreijähriges Falben Altai Pony geschenkt. Beim Überqueren einer alten Brücke eines Gebirgsbachs brach dieses Huftier mit der rechten Vorhand durch ein morsches Deckbrett, strauchelte und konnte sich in letzter Sekunde durch das Herausziehen des Hufes aus der Bruchstelle vor dem Fallen retten. Nicht den kleinsten Kratzer hatte es abbekommen, jedoch jedes Mal, wenn ich erneut mit ihm die Brücke überqueren wollte, ging es automatisch neben ihr durchs Bachbett und das noch nach 10 Jahren, nachdem die Brücke längst erneuert worden war. Ein Schockerlebnis, gespeichert in seinem Gehirn wurde es stets zu gegebenem Zeitpunkt abgerufen. Eine zweite Eigenschaft des aus Russland stammenden Vierbeiners war, dass er sich gar nicht oder nur widerwillig von anderen Personen reiten ließ. Zeitweise konnte ich mich ihm nur alle 14 Tage widmen, hörte er aber meine Stimme wieherte er freudig, ging schnurstracks auf mich zu und begrüßte mich mit anhaltendem Kopfnicken. Zweifellos Denkvorgänge.

Selbst Eichhörnchen sind schlau
Selbst Eichhörnchen sind schlau - Foto Jakob Zmölnig

Border Collie verblüfft

Erbsengroß ist das Gehirn einer Henne. Füttert man sie mit auf einem Brett aufgereihten Maiskörnen, von dem jedes Dritte festgeklebt ist, hat sie das spätestens beim vierten Versuch geschnallt. Die Fixierten bleiben bei der künftigen Futter-Aufnahme unangetastet. Selbst bei unterschiedlichen Reihenfolgen funktioniert das Experiment. Bei jedem Hund ist es offensichtlich, dass er über ein Gedächtnis verfügt. Selbst nach jahrelanger Herrchen-Abstinenz erkennt er ihn wieder. In der Sendung „Wetten dass?“ verblüffte ein Border Collie die Zuschauer damit, dass er aus über 100 Stofftieren und Plastiksymbolen die richtigen Fünf wählte. Ohne zu Denken keine Zuordnung.

Feldspatz
Von wegen Spatzenhirn - Foto Manuela Siller

Aufgabe durch Pinkeln gelöst

Verlassen wir den Bereich der domestizierten Tiere und wenden uns den Wildlebenden zu. Setzt man Haus- oder Feldsperlingen verschlossene, jedoch durch bestimmte Manipulationen zu öffnende Futtergefäße vor, sind mehrere Spatzen durch vielfach unterschiedliches Probieren bevorteilt den Container zu öffnen. Haben sie den Öffnungs-Mechanismus einmal durchschaut, sind auch die Mitbeobachter in der Lage das Gefäß aufzumachen. Rabenvögel wie Krähen biegen an einem Draht einen Haken, mit dem sie sich Nahrung erschließen, welche sie mit ihrem Schnabel niemals erreichen könnten. Menschenaffen wie Bonobos knacken mit Stöcken oder Steinen Nüsse und nehmen ihr Werkzeug in andere Weidegründe mit. Sie verleihen diese Gerätschaft an Clanmitglieder, aber wehe der Nutzer gibt sie nicht zurück - dann gibt es Schelte! In Gefangenschaft gehaltenen Orang Utans setzte man ein Glasrohrgefäß, an dessen Boden eine Erdnuss lag, vor. Mit den Fingern konnten sie die Nuss nicht erreichen, jedoch mit einem bereitgestellten, mit Wasser gefüllten Krug wäre die leichtgewichtige Erdnuss durch das Füllen des Behälters mit Wasser an die Oberfläche zu bringen. Nur wenige Minuten benötigten diese Primaten zur Problemlösung. Ein männliches Jungtier verzichtete auf die Prozedur mit dem Wasserkrug und pinkelte kurzerhand mit selben Erfolg ins Rohr. Zweifellos sind das bereits kombinierte Denkvorgänge.

Feldspatzen
Feldspatzen: Beobachten und umsetzen - Foto Manuela Siller

Scheindepots und Merkfähigkeit – Zufall? Nein!

Raben beobachten sorgsam ihre Artgenossen, aber auch Füchse, Marder und Eichhörnchen. Verstecken diese Tiere Vorräte, werden sie sehr rasch von den Beobachtern geplündert. Dem entgegenwirkend legen Eichhörnchen Scheindepots an, tun so als würden sie etwas ins gegrabene Loch stecken und bedecken es mit Erde und Laub. Vermehrt findet man diese Scheinanlagen in Bereichen in denen sich mehrere ihresgleichen, Rabenvögel oder auch Menschen aufhalten. An der Drau, zwischen Greifenburg und Berg, halten sich regelmäßig Kolkraben auf. Die Diplomzoologin Manuela Siller und ich legten an einem Sandstrand zehn handtellergroße Steine gleicher Farbe in einer Reihe aus. Dabei wurden wir von zwei auf Erlen postierter Raben beobachtet. Nach einem Imbiss auf einer nahegelegenen Bank versteckten wir unter einem der ausgelegten Steine ein Stück Käse. Nachdem wir uns 50 Meter von der Stelle entfernt hatten und den Strand mit Feldstechern beobachteten, fiel einer der Raben ein und drehte exakt jenen Stein um, unter dem der Käse lag. Zufall? Nein! Denn viele Male haben wir dieses Experiment in mehreren Variationen wiederholt. Drei Zehnerreihen, aber auch willkürlich platziert, mit zwei Verstecken, neun rundflächig gelegte Siebenergruppen mit fünf Verstecken und so weiter, stets waren nur jener Steine entfernt worden, unter denen der Käse lag. Bemerkenswert daran ist, dass vom Verstecken bis zur Abholung des Leckerbissens bis zu zwei Stunden vergingen, ohne dass Fehler registriert werden konnten. Merkfähigkeit als Beitrag zu ökonomischen Verhalten!

Der Rabe ein hochintelligenter Singvogel
Der Rabe ein hochintelligenter Singvogel - Foto Gerti Drack


Foto Jakob Zmölnig

Er sah die Tragweite seiner Handlung voraus

In Steyrling (OÖ) konnte ein von mir observierter Braunbär bei einem kleinen, künstlich angelegten Fischteich wegen der Wassertiefe von eineinhalb Meter keine Forellen fangen. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, das in der Mitte befindliche, konisch zugeschnittene, und mit drei Drahtseilen gesicherte Abflussrohr hochzuziehen. Mehrere Minuten musste der Bär das Rohr in dieser Position halten, ansonsten wäre es zurück in den am Grund befindlichen Abfluss-Stutzen gerutscht. Damit regulierte er sozusagen den Wasserstand auf eine Höhe von etwa 20 Zentimeter. Nun war es für ihn ein Leichtes die Forellen mit den Tatzen zu erhaschen. Auf diese Art entleerte er innerhalb von 12 Tagen weitere sechs im Umfeld angelegte Weiher vom Fischbestand. Das erfordert Denkvermögen vereint mit Kombinationsgabe. Mit verblüfftem Kopfschütteln und großem Respekt nahm der Teicherbauer, ein Aufsichtsjäger, die unglaubliche Tatsache zur Kenntnis.

Bärenzunge
Mit Recht zeigt er so manchem die Zunge - Foto Manuela Siller

Dreidimensionales Denken

Ebenso verblüffend ist die Geschichte jenes Bären, welcher im Naturpark Weissensee einen Elektrozaun auf kuriose Weise bezwang. Meister Petz musste mit dieser Schutzeinrichtung bereits böse Erfahrung gemacht haben. Schon das Ticken des Halters warnte ihn vor unangenehmen Stromstoß. Jedoch der Geruch von Fallobst turnte seine grauen Zellen zur Höchstleistung an. Ein weit über die oberste, stromführende Litze reichender Ast eines Apfelbaumes erwies sich als Problemlösung. Entschlossen erkletterte er dessen Stamm und hantelte sich über den kräftigen Ausleger ins Innere des Obstgartens. Mindestens 15 Kilogramm, an aufgenommener Äpfel und Birnen schwerer, außerdem nass vom Morgentau, forderte ihm die Situation „wie komme ich wieder hinaus“ dreidimensionales Denken ab, denn der Baum, welcher für ihn zuvor „innen“ war, war nun „außen“. Entschlossen angelte er sich die äußeren Zweige, erreichte so den kräftigen Ast und hantelte sich über den Draht nach draußen. Um dies zu rekonstruieren kam uns folgender Umstand zu Gute: Das zusätzliche Gewicht ließ ihn gerade um jene Spur länger werden, welche genügte, um mit dem nassen Bürzel den Draht in dem Augenblick zu berühren als der Stromimpuls ausgelöst wurde. Die Kratzspuren am Ast, eine abgebrochene Zaunstütze und die durch die erfolgte Flucht ausgerissenen Grasbüschel sprachen Bände.

Ihr Hans Peter Sorger

Braunbär
Grübel, grübel und studier... - Foto Manuela Siller

 

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Titelfoto Jakob Zmölnig:
So mancher Zeitgenosse wird hereingelegt.

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