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Quirlig und verspielt: Der Fischotter

Lutra lutra

Intelligent, geschickt, gutaussehend und ein formvollendeter Schwimmer! Wie alle Marderartigen ist auch er ein entfernter Verwandter unseres heimisch gewordenen Braunbären.

Als junges Tier von Menschenhand mit Liebe und Fürsorge aufgezogen, wird es zutraulich und anhänglich wie kein anderes "aus dem Reich der wilden Tiere". Mehrfache verbriefte Berichte künden von erbittert das Hab und Gut des Betreuers verteidigenden Ottern. Leider fielen auch diese possierlichen Zeitgenossen der nachhaltigen Bejagung, den Veränderungen der Naturlandschaft, dem Wassersport und der Einbringung von Schadsubstanzen durch Landwirtschaft und Industrie in unsere Gewässer, um nur einige gravierende Eingriffe zu nennen, zum Opfer.


Wir sind es, die diese Spezies bedrohen

Nur geschwächte und kranke Fische

Durch die "Krone der Schöpfung", nämlich durch uns Menschen wurde auch der Fischotter an den Rand der Ausrottung gezerrt. Obwohl er eine gewichtige Rolle bei der Gesunderhaltung der Fischbestände spielt, haben wir ihn aus Konkurrenzdenken und Profitgier in diese Situation gebracht. Was hat man ihm nicht alles nachgesagt, um sein sinnloses Abschießen zu rechtfertigen. Als Hühner-, Zicklein- und Lamm-Mörder wurde er angeschwärzt, als Jagdhunde-Ertränker, in dem er diese unter Wasser zieht, bezeichnet! Natürlich jagt er als intelligenter Säuger äußerst ökonomisch - er verhält sich wie wir Menschen - er will mit dem geringst möglichen Aufwand große Beute machen! Mit Vorliebe stellt er Fischen nach, aber zumeist erwischt er nur Geschwächte und Kranke. Blässhühnern nähert er sich tauchend, Bisamratten haben gegen seine erreichbare Schwimm-Geschwindigkeit keine Chance, Muscheln knackt er geschickt mit seinen Eckzähnen und Seeotter verwenden sogar Werkzeuge in Form von Steinen, welche zum Aufschlagen von Weichtieren als Amboss und Hammer dienen. Der Otter frisst Frösche, Wasservögel, Mäuse und andere Nager, Krebse und wenn es leicht geht, ihn der Hunger plagt, auch Schlangen. 1981 am 27. April hatte ich das Glück in Steiermark, zwischen Kalwang und Mautern, in der Liesing, ein zwei Junge aufziehendes Fischotterpaar zu entdecken. In den ersten drei Tagen, meist am feuchten Boden, vom Uferbewuchs gut gedeckt, robbend, kriechend, liegend oder in eine Nische gekauert, beobachtete ich vorerst nur eines der Tiere: Verspielt und neugierig, auch in Rückenlage schwimmend, entging seinen Augen nichts. Nach stetem Ab- und Auftauchen in einem klaren Gumpen folgte eine kurze Putzrast am Ufer, und nach gezählten 28 Tauchgängen endlich die erste Beute - eine etwa 20 Zentimeter Bachforelle. Ans Ufer getragen und mit den Schwimmhaut-versehenen Fingern der Vorderpfoten geschickt festgehalten, hatte der Otter das Schuppentier innerhalb von wenigen Minuten vom Kopf bis zur Schwanzflosse schmatzend verzehrt. Einen später folgenden kleinen Fisch verschlang er sogleich, ohne die dort ruhig dahinfließende Liesing zu verlassen.


Geschickt hält er mit den Vorderpfoten die Beute fest

Das Wasser hatte die Otter verschluckt

Tagtäglich pirschte ich mich unverdrossen, Regen und Wind trotzend in sein Revier, um mitunter stundenlang auszuharren, ohne eine Spur von ihm zu entdecken. Am 4. Tag, als Lohn für meine Geduld, hatte ich gegen 16 Uhr "beide Augen voll zu tun", denn in einem Abstand von nur wenigen Metern tauchten plötzlich zwei Otter aufeinander zuschwimmend an der Wasseroberfläche auf. Innerhalb von 3 Wimpernschlägen überschlugen sich die Ereignisse - ein Fuchs war aus dem bewachsenen Uferbereich auf eine kleine Schotterbank getreten, setzte sich in Gemütsruhe hin und beobachtete ebenfalls die beiden nunmehr miteinander spielenden Otter. Der größere von den Beiden war walzenförmig, hingegen der Kleinere um seine Mitte etwas runder. In Zeitlupe bewegte ich meinen Kopf, damit ich ja nicht durch Disharmonie die Natur und dadurch das Treiben der Tiere störte. Es schien als würden die Ottern den Fuchs, welcher keine zwei Meter entfernt von ihnen saß, völlig ignorieren, denn sie setzten ihr anmutiges Spiel unbekümmert fort, während Reinecke, mit schräg gehaltenem Köpfchen und spitzen Ohren, dem interessiert zusah. Minuten vergingen, der Fuchs trollte sich, denn von einer auf die andere Sekunde hatte das Wasser die Otter verschluckt. Tags darauf erspähte ich vom vortägigem Beobachtungsplatz aus gesehen ca. 30 Meter flussabwärts einen Otter als er direkt im Uferbereich auftauchte. In Folge stellte sich heraus, dass er gerade aus seinem etwa 40 cm unter Wasser liegendem Ausstieg seiner Höhle kam. Stehen den Tieren nicht passende Nischen oder Uferüberhänge zur Verfügung, graben sie einen Bau und legen die Wohnkammer oberhalb der Hochwassergrenze an.


Spielend auf einem schwimmenden Baumstamm

Störeinflüsse vertragen sie auf Dauer nicht

So manchen Tag ging ich anblicklos in meine Unterkunft, was wahrscheinlich damit zusammenhing, dass Otter sowohl tag- als auch nachtaktiv sind. Geschlechtsreife Fischotter leben territorial und nutzen die einzelnen Gewässerabschnitte des Flusslaufes nacheinander. Ihre Streifgebiete können sich von 5 bis 40 Kilometer ausdehnen. Erst zwei Wochen nach Anbeginn meiner Entdeckung wurde mir bewusst, dass das kleinere und rundliche Tier ein hochträchtiges Weibchen war. Am 11. Mai sah ich es wieder, schlank und rank einige Tauchgänge absolvieren. Mit Sicherheit hatte sie jetzt ihren Wurf zu betreuen. Ziemlich hilflos krabbeln die 10 bis 15 Zentimeter langen Jungen mit geschlossenen Augen, welche sie erst nach einem Monat öffnen, im Bau herum. In der 6. Woche etwa machen sie ihre ersten, von ihrer Mutter "erzwungenen" Schwimmversuche, mehr als doppelt so lang werden sie gesäugt und bleiben, um das Jagen zu erlernen an die eineinhalb Jahre in ihrer Nähe. Zwei Tage später verließ ich für 5 Wochen die Stätte der mich sehr beindruckenden und nicht alltäglichen Erlebnisse. In der 7. Woche nach dem Wurf sah ich zwei verspielte Jungotter, schwimmend und tauchend an der Seite ihrer Mutter. Den sogenannten "Schwimmkurs", welche alle Fischottermütter ihren Jungen erteilen, hatte ich leider verpasst. Ein Jahr später gab es leider, trotz intensiver Suche bis St. Michael, wo die Liesing in die Mur mündet, weder Spuren noch Fährten dieser hochspezialisierten Art.


Neugierig wird alles beschnuppert

50.000 Haare pro Quadratzentimeter

Diese so stark bedrohte Spezies braucht klare und saubere Gewässer mit sehr viel Deckung bietenden Bewuchs. Auch die Uferstruktur ist für das Überleben dieser Tiere von großer Bedeutung. Störeinflüsse durch Rafting, Kajak- und andere Bootsfahrten ertragen sie auf Dauer nicht. Obwohl der eurasische Otter, also der auch bei uns lebende, zahlenmäßig am stärksten vertreten ist, nehmen die Bestände durch menschlichen Einfluss kontinuierlich ab. In häuslicher Betreuung erreichen diese Tiere ein Alter von 20 bis 22 Jahren, hingegen ist die Mortalitätsrate bei freilebenden Exemplaren ziemlich hoch und ihr Höchstalter pendelt sich bei maximal 8 bis 10 Jahren ein. Fossilfunde bezeugen, dass unser heimischer Otter bereits vor 120.000 Jahren lebte und zur typischen alpinen Fauna zählte. Erstaunlich ist, dass der Otter über keine dicke Fettschicht, wie etwa Wale, Seelöwen oder Eisbären, welche sie vor Kälte schützen, verfügt. Sein Schutz dagegen liegt in der ungewöhnlichen Struktur und Anzahl seiner Haare, welche durch mikroskopisch kleine Verzahnungen ein dichtes Pelzgeflecht ergeben und ihn wirkungsvoll gegen Nässe und Kälte isolieren. 50.000 Haare pro Quadratzentimeter schützen ihn vor Wärmeverlust und bedürfen einer Pflege von 10 bis 15% seiner Wachzeit! In den folgenden 26 Jahren bekam ich, trotz steter Feldforschung, nicht einen einzigen, freilebenden Fischotter zu Gesicht. Unsere Gier nach MEHR macht uns an Ressourcen jeder Art immer ärmer.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto und Fotos:
RtW Archiv, M. Siller und
H.P. Sorger

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