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Die Eroberung verlorener Räume

„Auch in unserer aufgeräumten Kulturlandschaft mit ihren Agroindustriesteppen und den Fichtenmonokulturen der Holzplantagen, zerschnitten von den Asphaltbändern der Autobahnen und eingeengt von wie Krebsgeschwüren wuchernden Städten mit ihren die Luft verpestenden Industrierevieren, können wir immer wieder beobachten, dass die Natur jede Gelegenheit nutzt, um sich verlorene Räume zurückzuerobern oder neu zu besetzen; die Tierwelt kann hier mit besonderen Überraschungen aufwarten.“
Auszug aus Dr. Frank G. Wörner 1.6.2001 „Besiedelt der Goldschakal bald Deutschlands Wildbahn als Neubürger?“

So Beispielsweise staunten – Manuela Siller und ich, als wir nach mehrjähriger Abstinenz, einen Goldschakals (Canis aureus) im Naturpark Weissensee sichten konnten. Von einem oftmals besuchten Beobachtungsplatz am Rande einer Forststraße nahe des Seeufers, an dem tagsüber unzählige Wildbader ihre Ferien genießen, schlich sich auf samten Pfoten der seltene Jäger aus dem Wald. Zwei, drei kurz gehaltene Sprünge auf der Wiese, dann versenkte er sein Haupt im Gras und mit festem Griff umklammerte sein Fang eine Maus. Trabend entschwand er aus unserem Blickfeld, er kehrte zurück ins schützende Unterholz.

Weiters schreibt Dr. G. Wörner: „Alle diese Tiere sind als unsere Fauna bereichernde Neubürger willkommen zu heißen und ein Zeichen dafür, dass die uralten Naturgesetze der Neueroberung von Lebensräumen auch im dichtbesiedelten und hochindustrialisierten Mitteleuropa ihre Gültigkeit nicht verloren haben. Und genau aus diesem Grunde auch wird sich unsere heimische Fauna mit diesem Neuzugang arrangieren können. Tiere, die von selbst einwandern und sich bei uns vermehren, sollten nach gründlicher Prüfung und mit Bedacht in unsere bestehende Artenschutz- und Jagdgesetzgebung aufgenommen werden, denn ein direkter Zusammenhang zwischen dem Verschwinden einer einheimischen Art und Ausbreitung einer neuen Art auf den ersten Blick zu erkennen, ist unter wildbiologischen Aspekten zumindest fragwürdig und in der deutschen Wildbahn bislang noch nicht nachgewiesen – auch nicht bei den immer wieder als Paradebeispiel vielzitierten Waschbären. Im Falle das Goldschakals wird das inzwischen auch von dem fortschrittlichen Teil der Jägerschaft so gesehen.“ Hespeler meint: „Es gibt sicher keinen Grund, den Goldschakal in Mitteleuropa durch gezielte Schonung zu fördern; es besteht aber auch kein Anlass, ihn unter Beiseitelegung elementarer Tierschutzaspekte zu behandeln.“

Sichtung zweier Schakale

Schon im Jahre 1994 beobachtete ich im Grundgraben am Ausläufer des Latschurs in den Gailtaler Alpen zwei Goldschakale. Ganze vier Wochen lagen 2 praktizierende Studenten und ich in diesem Gebiet auf der Lauer, jedoch zu sehen bekamen wir sie nicht mehr. Erst im Jahre 2003 meldete mir der leider verstorbene Naturkenner und Weidevieh-Halter von der „Alm hinterm Brunn“ (Weissensee) bekannt als „Max“, die Sichtung von zwei Goldschakalen. Westlich am Waldrand, oberhalb dieser Alm zogen sie in den frühen Morgenstunden unbekümmert dahin. Nur wenige Tage später lief uns einer von ihnen auf der Forststraße zur Gajacher Alm über den Weg. Einige Sekunden verharrte er und zeigte uns seine Breitseite. Seit Anfang der 90iger Jahre gibt es belegte Fälle für das Auftauchen von Goldschakalen (Aubrecht 1991, Leitner und Kraus 1989 sowie Suchentrunk 1990) in den Bundesländern Niederösterreich, Steiermark und Kärnten. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um abwandernde Jungmännchen. Gegenüber den arrivierten, älteren Revierbesitzern sind sie außerstande sich durchzusetzen und deshalb gezwungen, diese Jagdgründe zu verlassen. Sie müssen sehr oft große Strecken wandern, um in eigenen Revieren sesshaft zu werden. Die meisten der Zuwanderer dürften wegen der dort herrschenden Individuendichte aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen.

Afghanistan, Thailand, Österreich

Laien verwechseln diese Hundeart häufig mit dem Fuchs obwohl er stämmiger und wesentlich höher gebaut ist. Wäre er nicht kleiner, könnte man ihn mit seinem nahen Verwandten, dem Wolf eher vergleichen. Seine Färbung ist sehr variabel und wahrscheinlich regional unterschiedlich. Sie reicht von semmelgelb über rötlichbraun bis zu grauen und schwarzen Fellanteilen auf der Körperoberseite. Seine Unterseite ist meist schmutzig-weiß, kann aber auch in blassem Braun erscheinen. Zur innerartlichen Kommunikation dient eine auffällige Musterung in seinem Gesicht. Obwohl es einige Unterarten von ihm gibt (Schabrackenschakal Canis mesomelas, Streifenschakal Canis adustus) ist der Goldschakal der am meisten verbreitete. Er ist im gesamten asiatischen Kontinent vorzufinden, bevölkert die arabische Halbinsel ebenso wie die Türkei, Iran, Irak und lebt in Afghanistan, Pakistan wie in Birma und Thailand. Sein Areal reicht sogar bis Afrika. Es beginnt im Mittelmeerraum, dem Nildelta und erstreckt sich in die Sahelzone von Kenia und Somalia. Schon Ende der 80iger Jahre wurden diese Tiere auch in Österreich nachgewiesen, (A. Zedrosser). Immer mehr werden Schakale in Gegenden gesichtet, in denen sie zuvor nie beheimatet waren. Beispielsweise im Umfeld von Triest, in Italien und im Süden Wiens. Eigenartig daran ist, dass Goldschakale offene Landschaften bevorzugen - Savannen, Halbwüsten, steiniges Terrain und dennoch urplötzlich in dicht bewaldeten Bereichen auftauchen. Es mag durchaus sein, dass sie an ihre Lebensräume keine besonderen Ansprüche stellen. Sie leben auch in Feuchtgebieten mit dichter Vegetation und ebensolchem Unterwuchs. Der Goldschakal scheint sich aber ebenso am Rande von Flüssen wohl zu fühlen und meidet an und für sich Höhen über 800m, jedoch Ausnahmen bestätigen die Regel.

Rotfuchs und Goldschakal
Nicht zu verwechseln: Fuchs... und ...Schakal - Foto RtW Archiv

Verbeißen sich im Bauch ihrer Beute

Goldschakale leben gesellig, meist paarweise und in Familienrudeln. Sie sind keine ausgesprochenen Hetzjäger. Meist schleicht sich ein Tier an seine Beute heran, nahe genug, um dann loszusprinten. Sein geringes Gewicht, 10 bis 15 Kilogramm, die langen kräftigen Beine helfen ihm auch größere Entfernungen spielend zu überwinden. Goldschakale jagen einzeln, zu zweit aber auch im Trupp, meist während der Nacht und wenden außergewöhnliche Taktiken an. Größeren Beutetieren nähern sie sich wälzend, um deren Neugier zu erwecken. Diese Art ermöglicht es ihnen nahe genug heranzukommen, um dann aufzuspringen und zuzupacken. Einen Tötungsbiss gibt es nicht, die Tiere verbeißen sich, ebenso wie Hyänen, im Bauch ihrer Beute. Das sieht grausam und brutal aus, jedoch das Opfer spürt aufgrund des Schocks, bewirkt durch heftigen Adrenalinausstoß, sehr wenig, es wird zu Boden gezogen und augenblicklich verwertet.

Winseln und Heulen

Schakale sind ausgesprochene Generalisten, sie bedienen sich ebenso an unserem Müll, verwerten Aas und können zu bestimmten Jahreszeiten ausschließlich von Obst leben. Kleintiere wie Vögel und Nager überwiegen im Speiseplan des Allesfressers, er frisst aber auch Amphibien und Insekten, delektiert sich an Schlachtabfällen und frisst Kohl ebenso wie Mais, Blätter von Bäumen und Sonnenblumen. Meist leben diese Tiere in festen Revieren von bis zu 5 Quadratkilometern, markieren diese ständig mit Urin und legen ihre Kothaufen an erhöhten Stellen ab. Dringen fremde Artgenossen ein genügen bereits Drohgebärden, um sie ohne verletzungsgefährdender Auseinandersetzungen wieder zu vertreiben. Über Entfernungen verständigen sie sich mit einer Palette von Lautäußerungen, die aus Belllauten ebenso wie ganzen Heulstrophen in schneller Reihenfolge und auf- sowie abfallender Tonhöhen bestehen. Ihr Geheul leitet meist bestimmte Verhaltensmaßnahmen ein: Werbung, den Kampf um den Lebenspartner oder die gemeinsame Jagd. Paarbeziehungen halten ein Leben lang. In unseren Regionen paaren sich Goldschakale in den Monaten Jänner bis Februar. Ihre Lautäußerungen bestehen in dieser Zeit aus Winseln und Heulen. Nach 60 bis 62 Tagen Tragzeit bringt die Fähe 4 bis 6 Junge zur Welt und in den meisten Fällen helfen die im Vorjahr geborenen Jungtiere bei der diesjährigen Aufzucht der Welpen. Bei der Geburt sind die Tiere behaart und ihre Augen können sie in den ersten drei Tagen nicht öffnen. Drei Wochen ernährt sie ausschließlich die Muttermilch, danach beginnt bereits die Versorgung mit fester Nahrung. Diese wird von den Elterntieren in deren Mägen transportiert und in der Höhle wieder hervorgewürgt. Bis zur gänzlichen Muttermilchentwöhnung vergehen 5 bis 6 Wochen. Einige Jungtiere werden bereits im Herbst von den Eltern vertrieben und müssen sich eigene Reviere erschließen. Schakale werden erst nach 20 Monaten geschlechtsreif und sie können ein Alter von 8 bis 10 Jahren erreichen. Im Gegensatz zu Füchsen werden Jungschakale sehr rasch zahm, benehmen sich wie freundliche Hunde und folgen dem Ruf ihres Herrn. Die Anwesenheit von Menschen stört sie nicht besonders. In vielen Ländern wie beispielsweise in Teilen Russlands haben sich die Tiere beinahe urbanisiert. Mit Sicherheit ist der Goldschakal in Österreich kein Neubürger, er ist nach sehr langer Abwesenheit möglicherweise wieder bereit, seine alte Heimat zu besiedeln.

Ihr Hans Peter Sorger

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