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Der heimische Braunbrust-Igel

Stachelbewehrt und dennoch gefährdet

Dass Igel sich einen Hang hinunterrollen lassen, um mit ihren Stacheln Obst aufzuspießen und dieses dann als Nahrungsmittel in ihre Baue eintragen ist ein Märchen, denn die Tiere sind insektenfressende, dämmerungs- und nachtaktive Winterschläfer. Zu ihrer Hauptnahrung gehören Laufkäfer, Larven von Nachtschmetterlingen, Schnecken, Hundert - und Tausendfüßler, sie lieben Ohrwürmer, verschmähen Asseln, fressen Regenwürmer und nehmen es gelegentlich mit Eidechsen, Blindschleichen und Schlangen auf. In einem Satz ausgedrückt: Igel sind angenehme und nützliche Zeitgenossen!

Erdgeschichtlich zählen Igel zu den ältesten noch existierenden Säugetieren. Ihre Ahnen lebten schon vor 65 Millionen Jahren und ihr jetziges Aussehen hat sich seit 15 Millionen Jahren nicht verändert. In unseren Bereichen kennen wir nur den Braunbrustigel, welcher wissenschaftlich Erinaceus europaeus genannt wird. Die Körperlänge eines ausgewachsenen männlichen Igels kann 30 Zentimeter betragen und er bringt 1600 Gramm auf die Waage. Weibchen sind etwas kleiner und leichter. Von der äußeren Form kann man die Geschlechter nicht auseinander halten. Der Penis des Männchens liegt - vermutlich aus kopulationsstrategischen Gründen - als kleines knopfförmiges Gebilde in der Nabelgegend, also im mittleren Bauchbereich. Keines unserer heimischen Tiere ist im Besitz eines derart schützenden Stachelkleides. Bei drohender Gefahr oder Berührung rollen sich diese Tiere zusammen und das Aufstellen ihrer beweglichen Stacheln wird durch eine zusätzliche Ringmuskulatur unterstützt. Bei ihrer Geburt befinden sich bereits an die 100 Stacheln eingebettet in der aufgequollenen Rückenhaut. Ein ausgewachsenes Tier verfügt über rund 6- bis 8000 Stacheln. Der Geruchsinn dieser Stachelträger besticht, denn beinahe ausschließlich mit ihm finden sie ihre Nahrung und vor allem ihre Artgenossen. Ihr Gehör ist derart entwickelt, dass sie Laute welche weit im Ultraschallbereich liegen noch wahrnehmen. Ihr Sehvermögen hingegen ist ihren Bedürfnissen gemäß etwas schwächer ausgebildet. Ehe man Igel nächtens sieht hört man sie fauchen. Dies resultiert daraus, dass diese Tiere rasch ausatmen, damit ihnen so wenig als möglich Duftinformationen, die sie nur beim Einatmen registrieren können, entgehen. Andere Lautäußerungen wie helles Keckern oder kreischende Angstschreie hört man nur selten.


Der Schnüffler - Foto J. Zmölnig

Männchen kümmern sich um die Aufzucht nicht

Zwischen Ende April und Ende August ist in unserem Bundesland die Paarungszeit der Igel angesetzt. Die Tragzeit liegt bei 35 Tagen und es werden meist vier Junge geboren. Die Seh- und Gehörorgane bleiben bei den etwa 13 bis 16 Gramm wiegenden Babys 14 bis 15 Tage fest geschlossen und eine Woche später stoßen die ersten winzigen Zähnchen durch. Über 42 Tage säugt die Igelmutter tagsüber ihren Nachwuchs, denn nächtens begibt sie sich auf Nahrungssuche. Im Alter von etwas mehr als drei Wochen unternehmen die Jungen bereits kleinere Ausflüge und beginnen mit der Aufnahme von fester Nahrung. Das Männchen kümmert sich um diese Form der Aufzucht nicht aber man kann von Alleinerziehung der Mutter ebenfalls nicht reden, denn sie begleitet ihre Jungen weder auf der Futtersuche noch lehrt sie ihrem Nachwuchs welche Beutetiere als Nahrung dienen und wie sie ihrer habhaft werden. Im Alter von sechs Wochen verselbstständigen sich die Jungen und gehen ihre eigenen Wege. Sie wissen wie wichtig es jetzt ist, zur Überbrückung der nahrungsarmen Zeit, sich den nötigen Winterspeck anzufressen, denn Igel halten einen Winterschlaf. In Landschaftsregionen nutzen sie dafür dichtes Geäst welches mit Laub regendicht aufgeschichtet wird. In urbanisierten Bereichen nutzen sie vom Keller über Gartenhäuschen, Garagen, Holzlagen wie -stöße, Abstellräumen alles was sie vor Nässe schützt. Aufgrund der sehr stark herabgesetzten Körperfunktionen - ihre Körpertemperatur sinkt von 36 Grad auf 5 Grad ab, sie atmen pro Minute anstatt 40 bis 50 Mal nur 3 bis 4 Mal und außerdem reduzieren sich die Impulse ihres Herzens von 180 Schlägen pro Minute auf lediglich 3 bis 4 Schläge - brauchen sie bis zu sechs Monate kein Futter zu sich nehmen. In dieser Zeit verlieren Igel bis zu 40% ihres Körpergewichts. Sie können ein Alter von 8 Jahren erreichen jedoch liegt die durchschnittliche Lebenserwartung aufgrund der hohen Jungensterblichkeit und der von uns Menschen ausgehenden Gefahren bei maximal 3 bis 4 Jahren.


Igelkinder - Foto RtW Archiv

Fallstricke und Feinde

Als Kulturfolger kann man ihn nicht unbedingt bezeichnen, obwohl sich der Igel den Veränderungen der Landschaft durch uns Menschen weitgehend angepasst hat. Es sind die Monokulturen in den freien Landschaften, die ihn in menschliche Siedlungsnähe zwingen! So braucht ein Männchen in freiem Gelände an die 100 Hektar Lebensraum, dieser verkleinert sich in bewohntem Gebiet wegen der besseren Lebensbedingungen um ein Vielfaches. Viel mehr als alle anderen Tiere zahlt der Igel einen hohen Blut-Zoll an das Auto. Durch das Schweinwerferlicht geblendet rollt er sich reflexartig zusammen und wird häufig überfahren. Jährlich finden im gesamten Bundesland an die 50 000 Igel auf diese Art den Tod. Dadurch kommen unzählige verwaiste Säuglinge qualvoll um. Natürliche Feinde hat der stachelbewehrte Einzelgänger, der sein Revier gegen Artgenossen nicht verteidigt, nur wenige. Schnäbel, Krallen und Zähne haben kaum Chancen an den sonst so verwundbaren Körper zu gelangen. Eine Ausnahme bildet der Uhu, unter dessen Horsten man Igelbälge und in dessen Gewöllen man mitunter auch Igelstacheln finden kann. Ob der Fuchs den Igel tatsächlich ins Wasser rollt oder ihn durch besprengen mit seinem Urin zum Aufrollen veranlasst hört sich zwar sehr listig an, ich aber denke, dass dies ins Reich der Fabeln gehört. Die größten Gefahren für diese nützlichen Tiere sind und bleiben die tödlichen Fallen der Landstraßen und die vielfältigen Eingriffe von uns Menschen in die Natur! Nistmöglichkeiten werden durch die Aufräumwut in Gärten zerstört. Mähgeräte, Schächte, Swimmingpools und Giftköder dezimieren zusätzlich den Igelbestand. Naturnah bewirtschaftete und gestaltete Gartenanlagen wiederum bieten den Igeln Unterschlupf, Nahrungstiere und Nistgelegenheiten, denn Igel bauen in den Sommermonaten mehrere Nester, welche sie zwar nur für kurze Zeit bewohnen aber häufig zu ihnen zurückkehren.

Igel in Nöten

Sucht ein Igel tagsüber Futter, torkelt er durch die Gegend, hat er eingefallene Augen oder hervorstehende Hüftknochen, rollt er sich bei Berührungen nicht ein, dann braucht er Hilfe. Manchmal findet man auch verletzte Tiere, der erste Weg - in jedem Fall - sollte stets zum Tierarzt sein. Betrachten wir es als Pflicht diesen "angenehmen und nützlichen Zeitgenossen" unsere Hilfe zuteil werden zu lassen, dann soll es auch die Richtige sein! Die häufigsten Igelfunde finden im Spätherbst statt. Meist handelt es sich um spätgeborene Jungtiere welche aus Futtermangel nicht in der Lage waren, sich den nötigen Fettpolster für die Winterruhe anzufressen. Auch schwache Alttiere können davon betroffen sein. Je nach Möglichkeit sollte man für einen solchen Pflegling ein mindestens 2 m² großes, ausbruchsicheres Gehege in einem Garten anlegen. Am besten eignen sich 45 cm hohe Hartfaser- oder Spanplatten. Aus dem selben Material fertigt man ein 30x30x30cm großes Schlafhäuschen mit Boden (er isoliert) sowie einem abnehmbaren Dach an und versieht dies seitlich mit einem 10x10cm großen Zugang. Zerrissenes und zerknülltes Zeitungspapier dient als Unterlage und kann bei Verschmutzung ausgetauscht werden. Füttern Sie ihren stacheligen Pflegling niemals mit Milch! Der darin enthaltene Milchzucker verursacht Durchfall, Darmentzündungen und möglicherweise tödliche Infektionen. Wasser- und Futterschalen müssen flach und kippsicher sein. Eine Futterration täglich und zwar abends genügt in den meisten Fällen, läuft aber der Igel auch tagsüber in seinem Gehege nervös herum, bietet man ihm selbstverständlich Futter an. Um derart geschwächte Tiere nicht mit der Übertragung von Innenparasiten zu belasten, darf man sie nicht mit Regenwürmern, Schnecken oder Käfer füttern. Am besten eignet sich Hunde- oder Katzendosenfutter, hartgekochte aber auch Rühreier und gehacktes frisches Rindfleisch. Ebenfalls eignet sich gekochtes Geflügelfleisch. Um eine gute Verdauung zu forcieren ist es hilfreich, diesen Nahrungsmitteln etwas Weizenkleie oder Haferflocken zuzufügen.


Noch sind sie zusammen, doch in einem Jahr gehen sie getrennte Wege - Foto RtW Archiv

Kuhmilch ist ungeeignet

Etwas komplizierter wird es bei der Aufzucht von verwaisten Igelsäuglingen. Zwar genügt dafür ein oben verschließbarer Pappkarton, welcher doppelt so groß wie eine Wärmeflasche ist, jedoch vermehrt sich der Zeitaufwand, denn die Kleinen brauchen Wärme und Zuwendung. Igel, das gilt für Alt- und Jungtiere, können sich nicht kratzen und der Körperpflege nur bedingt nachkommen. Meist sind sie übersät mit Parasiten. Zecken und Flöhe, ja sogar Fliegeneier sind mitunter zwischen ihren Stacheln eingelagert. Diese müssen mit der Pinzette sorgfältig entfernt werden. Achtung: Zitzen des Igels nicht mit Zecken verwechseln! Baden sie die Säuglinge nicht und behandeln sie die Tiere keinesfalls mit Insektiziden. Legen Sie eine mit handwarmen Wasser gefüllte und einem gefalteten Handtuch bedeckte Wärmeflasche in eine Hälfte des Kartons während sie die andere Hälfte mit mehreren Lagen Zeitungspapier so ausfüllen, dass Wärmeflasche und Zeitungen eine Ebene bilden. Wird es den Igelbabys zu warm, können sie auf das Papier kriechen, um sich zu kühlen. Die sehr eiweiß- und fettreiche Igelmuttermilch enthält kaum Milchzucker und deshalb sind Kuhmilch oder Babymilchpulver absolut ungeeignet. Über ein für die Aufzucht verträgliches Milchpulver verfügen Tierärzte. Zumeist reicht ein gestrichener Teelöffel Ersatzmilchpulver welches mit zwei Teelöffel ungesüßtem Fencheltee vermischt wird. Man schüttelt diese Mischung solange in einem dementsprechenden Gefäß bis sich das Pulver aufgelöst hat. Das zu fütternde Baby wird mit dem Rücken in die Hand gelegt und mit dem Daumen gehalten. Mit einer nadellosen 2ml Spritze drückt man vorsichtig und sehr langsam den Inhalt ins kleine Babymäulchen, um ein Verschlucken zu verhindern. Sechs Einzelgaben tagsüber und zwei in der Nacht - das ist ein Viertel ihres Körpergewichts - reichen aus, um sie groß und stark werden zu lassen. Da diese kleinen Geschöpfe noch nicht in der Lage sind sich von selbst zu lösen und Urin abzusetzen, beleckt die Igelmutter deren Bäuchlein und das After, um den Ausscheidungsreiz zu aktivieren, den "Ertrag" nimmt sie sogleich auf, um das Nest nicht zu beschmutzen. Der Pfleger muss also mit angefeuchtetem Finger oder einem Wattestäbchen diese Regionen solange massieren bis sich Erfolg einstellt. Die Haut von wenigen Tagen alten Igeln ist sehr empfindlich, deshalb müssen Nahrungsreste, Kot und Urin rasch entfernt werden. Nach etwa sechs bis sieben Wochen kann man sie in die freie Natur entlassen. Mühsam, aber wenn es gelingt ein großes Erfolgserlebnis!

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto J. Zmölnig:
Noch halb eingerollt wurde er im Schlaf gestört.

In der Rubrik "Der Wert der Vielfalt" stellt H.P. Sorger unter Mitarbeit der Zoologin Mag. Manuela Siller monatlich neu Erkenntnisse aus der Feldforschung vor.

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