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Auf leisen Pfoten - der Luchs

Lynx lynx

In der vom Menschen massiv beeinträchtigten Landschaft Mitteleuropas findet sich heute nur noch eine "Schrumpffauna". Speziell die großen Wildtiere, allen voran die Beutegreifer, fehlen uns heute großflächig. Die Anstrengungen um den Schutz von Lebensräumen bleiben Stückwerke, wenn wir diese Räume nicht mit den dazugehörigen Lebewesen beleben wollten. Und dazu gehört auch der Luchs. (Wolfgang Scherzinger, NP - Zoologe Bayerischer Wald)

Der größte Feind dieser wunderschönen Katze ist der Mensch, vor allem dann, wenn sie sich Rehe, Schafe oder einige Hasen holt, welche ihr das Überleben sichern. Die Einstellung so manch - wie im Mittelalter denkender - Jagdausübender, welche heute noch glauben, dass der Luchs den Rehbestand nachhaltig dezimiert ist deshalb unbegreiflich, weil über jene 2- bis 3500 Rehe, welche alljährlich allein im Bundesland Kärnten durch den Straßenverkehr ums Leben kommen kaum ein Wort verloren wird. "Wir haben diese Erde von unseren Nachkommen geliehen" also versuchen wir, sie dementsprechend unseren Kindern zu übergeben. Der weit verbreitete Ausspruch innerhalb der Waidwerkszunft: "Nur ein Toter Luchs ist ein guter Luchs" ist dazu nicht dienlich, er entlarvt ein frappantes Informationsdefizit und demaskiert jene Menschen, für die alles was krumme Schnäbel oder Fangzähne hat für das "Waidwerk" schädlich ist.


Luchsfotos dieser Art sind in freier Natur rar - Foto M. Siller

Über 600 Tage und Nächte

Gerade wir Menschen und unsere Aktivitäten sind der Gradmesser für das Überleben dieser Größten europäischen Katzenart. Die Akzeptanz der Bevölkerung und der Jäger spielt beim Aufbau einer stabilen, sich selbst erhaltenden Population eine gewichtige Rolle. Das Argument, dass Luchse in unserer Kultur- und Zivilisationslandschaft keinen Platz mehr hätten ist unzutreffend. Diese Tierart ist nicht auf menschenleere Lebensräume angewiesen. Sie nutzt auf ihren Wanderungen Forststraßen ebenso wie Langlaufloipen und schläft tagsüber mitunter in Gehöftnähe. 1989 habe ich im steirischen Liesingtal, südöstlich von Mautern, im Ranachgraben den ersten freilebenden Luchs in Österreich gesehen. Ein prachtvolles Tier, welches in den frühen Morgenstunden keine 30 Meter am Moitzischen Gut vorbeistreifte. 1994 beobachtete ich nahe der Hermagorer Bodenalm diese imposante Katze. Seit 1995 nimmt die Zoologin Manuela Siller von Respect to Wildlife diese Spezies in Kärnten genauer unter die Lupe. Über 600 Tage und Nächte waren in dieser Zeit erforderlich, um die beigebrachten Fotos zu schießen. Gleichzeitig wurden viele beeindruckende Rufe in der Ranz (Paarungszeit), welche sich zwischen Januar und März abspielt, mittels hochempfindlicher Richtmikrofone auf CDs aufgenommen. Das wiederum ermöglicht eine präzise Zuordnung, denn die Stimme kann, wie der Fingerabdruck eines Menschen, jedes einzelne Individuum identifizieren. Die weithin hörbaren Ranzlaute des Kuders (Männchen) ist eindrucksvolle Musik für Forscherohren. Die Männchen durchstreifen intensiver die Areale, um mit Artgenossen zusammenzutreffen und da in dieser Zeit die Luchsinnen häufiger harnen als sonst und vermehrt ihr charakteristisches, langgezogenes Miauen hören lassen, locken sie damit sehr eindringlich die Männchen. Haben sie sich einmal gefunden, dann treten ganz bestimmte Verhaltensweisen auf: Kopfstoßen und Kopfreiben, Belecken des Partners, Analkontrolle, Präsentieren und Ruhen mit Körperkontakt.


Mutter beim Ausführen der Jungen aus dem Geheck (Wurfhöhle) - Foto M. Siller

 

Die natürliche Beißhemmung

Diese Rituale dienen dem Abbau von Aggressionen und werden von beiden Tieren gleichermaßen gezeigt. Nur wenige Tage bleiben sie zusammen, die Jungenaufzucht und Führung besorgt allein die Luchsin. Nach rund zweieinhalb Monaten werden zwei bis drei noch blinde und taube Junge geboren. Das Muttertier führt ihren Nachwuchs bis zur nächsten Ranzzeit und lehrt ihm alles zum Überleben Notwendige. Jungtiere verbringen viel Zeit mit Spielen. Vor allem Beutefangspiele! Gut zu erkennen ist dabei die Beißhemmung welche bei den Wurfgeschwistern wirksam wird und bei einem leblosen Objekt (z.B. ein Holzstück oder ein Fichtenzapfen) wegfällt. Beim Herumstreifen mit der Mutter erforschen sie das Territorium, lernen die Anlage eines Netzes von Wechseln nach ganz bestimmten Regeln, übernehmen die Tradition hinsichtlich des Nutzens eines Reviers und werden in den Jagdmethoden unterwiesen. Erst mit einem Alter von ca. einem Jahr ist das Milchgebiss vollständig ersetzt. Die Tatsache, dass die Jungluchse im ersten Winter noch keine voll entwickelten Eckzähne haben, hat wichtige biologische Folgen. Sie können noch keine größeren Beutetiere reißen und würden den Winter ohne die Betreuung durch das Weibchen nicht überleben. Im Frühjahr sondert sich der Nachwuchs in der Regel von der Mutter ab. Verpaart sich die Luchsin jedoch nicht, kann sie die letztjährigen Jungen noch eine Zeit lang führen und gemeinsam mit ihnen jagen. Der Populations-Zuwachs ist äußerst bescheiden, nur "0,6" Junge pro Weibchen ist nachgewiesen. Der Luchs ernährt sich ausschließlich tierisch. Das Spektrum seiner Nahrung, das jahreszeitlich und gegendweise wechselt, ist jedoch sehr breit. Sein Menü beinhaltet Insekten (Grillen, Heuschrecken, Käfer), kleinere bis mittelgroße Vögel (Sperlinge, Drosseln, Eichelhäher und Raufußhühner) und kleine bis große Säugetiere (im Sommer bis 43% Wühl- und Langschwanzmäuse, Hasen, Marder, Gämsen, Rot- und Rehwild). Gelegentlich reißt der Luchs auch Hausschafe, Ziegen, Hunde, Füchse und Dachse. Fallwild wird ebenso angenommen - im Winter bis zu 16%. Der tägliche Nahrungsbedarf beträgt je nach Körpergewicht und Jahreszeit 0,5 bis 1,5 kg Fleisch. Das Vorkommen von Luchsen in einem Revier macht sich nicht nur durch aufgefundene Risse, Fährten und Losungen bemerkbar. Eine große Scheu des Schalenwildes macht sich breit. Das Wild tritt nicht mehr in größeren Gruppen auf, wechselt häufiger die Einstände und Äsungsplätze, verhält sich heimlicher als sonst und die Bereitschaft zur Flucht wird ausgeprägter. Der Eindruck von fehlendem Rehwild verstärkt sich, zeitintensiveres Jagen ist gefordert.


Typisch, die Fraßspuren, Schulter- und Schlögelfleisch verzehrt er als Erstes - Foto H.P. Sorger

Nicht immer unproblematisch

Luchse sind sehr wanderfreudige Tiere. So wurden z.B. tägliche Wanderungen von 5 bis über 30 km festgestellt. Luchse verweilen nur manchmal an einem Ort. Beispielsweise wenn größere Beute geschlagen und längere Zeit daran gefressen wird, oder in der ersten Phase der Jungenaufzucht. Auf Störungen reagiert er sehr sensibel. Berührt man seinen Riss, nimmt er ihn nur bei extremen Hunger wieder an und fühlt sich eine säugende Luchsin verunsichert, verträgt sie ihre Jungen sofort in ein anderes Versteck. Die Meinung, dass der Luchs erbeuteten Rehen den Schädel abbeißt und verträgt ist falsch. Diese Verhaltensweise ist eine Eigenart des Fuchses. Darüber werde ich in einer der nächsten Ausgaben berichten. Alle Bemühungen ein "Großraubtier" in einer Kulturlandschaft wieder heimisch werden zu lassen, sind ein langfristiges Experiment. Werden keine Präventivmaßnahmen gesetzt, um vermeidbare Schäden zu verhüten beziehungsweise wird kein Schadenersatz geleistet, wird sich die Bevölkerung nur schwer mit der Existenz von Luchsen abfinden. Es hängt schlussendlich von der Bereitschaft von uns Menschen ab, unseren Lebensraum mit diesen nicht immer unproblematischen Tieren zu teilen und sie als eigenständige Lebewesen zu akzeptieren.

Ihr Hans Peter Sorger


Aufmerksam prüft er sein Umfeld - Foto M. Siller

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Titelfoto M. Siller:
Seine Tarnfarbe und Tarnzeichnung löst ihn beinahe auf.

In der Rubrik "Der Wert der Vielfalt" stellt H.P. Sorger unter Mitarbeit der Zoologin Mag. Manuela Siller monatlich neu Erkenntnisse aus der Feldforschung vor.

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