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Der Würger kam zurück

Lanius collurio

Der Neuntöter, ein Nahrungserwerbsspezialist und zur Gattung der Würger gehörende Vogel, treibt seit einigen Jahren wieder, beinahe unbeachtet, sein „Unwesen“ im Naturpark Weissensee. Sieht man ihm jedoch genauer auf den Schnabel, dann erfährt man die spannendsten Verhaltensweisen eines hübschen, zur Ordnung der Sperlinge gehörenden Zugvogels.

Neuntöter
Ein prächtiges Männchen am Ansitz - Foto Jakob Zmölnig

Im Jahre 1991 konnte im heutigen Naturpark Weissensee kein einziges Neuntöter-Brutpaar nachgewiesen werden. Lediglich in Stockenboi, südlich des Farchtensees lebte dieser methodisch vorgehende Meister in der Behandlung seiner Beute nur noch vereinzelt. Die Hauptschuld an seinem Verschwinden trug die Ausbringung von chemischen Substanzen, die unter dem Sammelbegriff „Pestizide“ bekannten Schädlingsbekämpfungsmittel. Eine vortreffliche Entscheidung der „Seewer“ diesen Unfug bereits vor 17 Jahren eingestellt zu haben. Die gesamte, für die ökologischen Zusammenhänge so vorteilhafte Vogelwelt hat sich wieder einigermaßen regeneriert. Selbst die sehr empfindsam auf negative Umwelteinflüsse reagierenden Würger sind wieder da.

Neuntöter
Neuntöter - Foto Jakob Zmölnig

Er reißt ihnen den Stachel aus

Für den Namen Neuntöter zeichnet der Volksglaube. Irrig, denn es herrschte die Meinung, dass dieser Vogel erst neun Beutetiere den Garaus macht ehe er sie zu verspeisen beginnt. Treffender erscheint mir die Bezeichnung Falkensänger, zumal der Oberteil seines Schnabels wie bei Falken gebogen und sein Gesang in der Balzzeit unüberhörbar ist. Man nennt ihn auch Rotwürger. Mit rotbraunem Rücken und Schultern präsentiert sich das Männchen und erklärt den Terminus. In der Hauptsache jagt unser gefiederter Freund Insekten. Dazu zählen auch Stachelbewährte wie Wespen und Hornissen. Dabei ist seine Vorgehensweise äußerst clever. Er packt Giftstachler während des Fluges direkt am Körper und schleudert sie solange an feste Gegenstände, bis sie sich nicht mehr bewegen. Um sicherzugehen, dass beim Fressen die Giftspritze nicht doch noch aktiviert wird, quetscht er sie, sich einer festen Unterlage bedienend aus dem Leib des Insekts und entfernt sie geschickt mit dem Schnabel.

Neuntöter
Ein Weibchen mit Käfer, eine Mahlzeit für ein Junges - Foto Jakob Zmölnig

Er tötet mit gezieltem Nackenbiss

Für Schlechtwetter trifft er Vorkehrungen, indem er Nahrungsreserven auf Dornen, ja sogar Stacheldrähte spießt. Verwesendes sortiert er aus: Diese Verhaltensweisen sind angeboren. Jedoch ehe er diesen Vorrat anlegt, bereitet er ihn mundgerecht und bekömmlich auf. Unverdauliches wie die chitinhaltigen Flügel, Fühler und Beinchen entfernt er vorsorglich. Schneckenhäuschen demoliert er, indem er sie auf Steine donnert. Raupen hält er an einem Ende mit seinem Schnabel fest und schlägt den Körper mit raschen Kopfbewegungen an Ästen bewegungslos. Stinkende oder ätzende Absonderungen von Käfern nimmt er stoisch hin und zeigt sich unempfindlich. Er beherrscht nicht nur die Ansitz- sondern auch die Pirschjagd perfekt. Listig nähert er sich seinem Opfer am Boden, gaukelt Desinteresse vor und schlägt im geeigneten Augenblick blitzschnell zu. Bei anhaltendem Regenwetter stellt der Neuntöter seinen Ernährungsplan kurzerhand um. Die Jagd des nur 15 bis 18 cm großen Vogels auf Wirbeltiere wie Mäuse, Eidechsen, Blindschleichen, junge Nattern oder Vögel beginnt. Geschickt setzt er dabei seine Füße ein und tötet mit einem gezielten Nackenbiss. Häufig eröffnet er die Schädeldecke seines Opfers, verspeist dessen Gehirn und zerteilt fachgerecht die Großbeute ehe er sie aufspießt. Sein Speiseplan ist unglaublich variabel, denn selbst Himbeeren, Holunderbeeren, Vogelbeeren werden gepflückt und nicht selten verfüttern Elterntiere an ihre Nestlinge frühgereifte Weichseln.

Heuschrecken am Spieß
Heuschrecken, ja sogar Mäuse, spießt er geschickt auf Dornen - Foto H.P. Sorger

Von Treue halten sie nichts

Zumeist ist das Männchen im Aufspießen geschickter als das Weibchen, jedoch bedienen sich beide an den Vorräten. Auffällig unterschiedlich erscheinen die beiden Geschlechter optisch. Dem Weibchen fehlt der graue Oberkopf, ihre Rückenbefiederung zeigt sich in einfarbigem rötlich braun. Nennenswert ist die bei beiden vorhandene Zähnung im Oberschnabel, welche exakt in die Vertiefungen im Unterschnabel passt. Die Tierchen sind promiskuitiv, das heißt, sie scheren sich sehr wenig darum, ob sie im nächsten Jahr mit dem selben oder einem anderen Partner ihre zumeist fünf bis sechs Jungen zeugen und aufziehen.

Neuntöter mit Jungen
Der Papa stopft einen der hungrigen Schnäbel - Foto Jakob Zmölnig

Während der nächtlichen Schlafphase, zumeist in dichten Sträuchern, plustern sie sich auf, stecken aber ihr Köpfchen niemals unter den Flügel. Als territoriale Zeitgenossen benötigen sie Hecken, Sträucher wie Berberitze, Weißdorn, Heckenrosen, vereinzelt stehende Jungbäume oder Krüppelkiefern, welche sie als Ansitzwarte nutzen. Nimmt man ihnen diese, wie es häufig auf Almweiden geschieht, um Weideflächen zu nutzen, dann wandern sie kurzerhand ab.

Neuntöter
Neuntöter - Foto Jakob Zmölnig

Libyen

Ende August packt den Würger die Reiselust und er bricht auf in sein Winterquartier. Von uns aus bevorzugt dieser Langstreckenzieher erstmal „Bella Italia“. Dann schlägt er sich bis auf die bekannte Flüchtlingsinsel Lampedusa durch, tankt einige Tage Kräfte, und wenn er nicht schießwütigen Jägern zum Opfer fällt überquert er das Mittelländische Meer, um erst wieder in Libyen feste Sträucher unter die Füße zu bekommen. Tagsüber beschäftigen sich diese befiederten Tiere mit der Nahrungsaufnahme, halten ein Mittagsschläfchen und streben nächtens gegen Süden. Dabei beträgt ihre Fluggeschwindigkeit, so haben Untersuchungen ergeben, 70 bis 75 Stundenkilometer. Wenn sie im September in Südafrika eintreffen, haben sie eine wahrlich lange und abenteuerliche Reise hinter sich. Trockene Gebiete meiden sie tunlichst. Im April erfolgt der Start zurück zu uns, in ihre angestammten Brutgebiete. Als ich einmal einen dieser sonderlichen Kerle in Namibia zu Gesicht bekam dachte ich – vielleicht ist’s jener, den ich bereits auf den Weiden der Alm hinterm Brunn beobachtet hatte?

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto Jakob Zmölnig:
Ein vertrautes Paar bei der Aufzucht.

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