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Der Siebenschläfer

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Insgesamt gibt es weltweit 4 400 Säugetierarten. Davon gehören 1 700 zur Ordnung der Nagetiere. Von allen Säugern sind fast vierzig Prozent Nager und einem davon, dem Bilch, dessen Stammesgeschichte 40 bis 60 Millionen Jahre zurückreicht, wollen wir uns heute widmen.
Ratten und Mäuse haben sich während ihrer Entwicklungsgeschichte weltweit verbreitet. Das Vorkommen der Bilche hingegen blieb stets auf die Alte Welt beschränkt. Wenn er auch die Randgebiete der Nord- und Ostsee meidet, so findet man ihn in den Pyrenäen aber auch in Turkestan, im deutschen Mittelgebirge und in Griechenland ebenso wie auf Sizilien. Da er nicht - wie sein Vetter das Eichhörnchen – in der Lage ist, die Kerne der Fichten und anderer Zapfen zu nutzen, zieht er Laub- und Misch- den reinen Nadelwäldern vor.

Er ist das größte Mitglied der Bilchfamilie

Sein Pelz erscheint einfarbig silbrig bis blaugrau und mit einer Kopfrumpflänge von 12 – 19 Zentimetern, einer Schwanzlänge bis 15 Zentimetern und einem Gewicht von 75 – 120 Gramm ist der Siebenschläfer das größte Mitglied der Bilchfamilie. Er verfügt über ein scharfes Gehör und seine ausgeprägten, bis zu fünf Zentimeter langen Schnurrhaare verleihen ihm zusätzlich einen ausgezeichneten Tastsinn. Seine Gewandtheit im Klettern auf Bäumen oder an Felswänden kann sich sehen lassen, zumal er aufgrund nackter Hand- und Fußsohlen (gute Haftung), spitzen Krallen und nach hinten drehbarem Hinterfuß in der Lage ist, Kopf abwärts zu laufen. Meterweite Sprünge absolviert er zielsicher selbst in dünnstem Geäst, dabei wirkt sein stark behaarter Schwanz wie eine Tarierstange und hält ihn im Gleichgewicht.
Seine Stimme, die er vielfältig einsetzt, könnte man auch vielfältig interpretieren: Das Muckern oder Zwitschern gleicht einer Art Stimmfühlung, das Knurren drückt Ärger aus, hingegen dürfte Quieken oder Quietschen ein auf sich aufmerksam machen aber auch Angst bedeuten, während sein Murmeln Wohlbefinden und Zufriedenheit signalisiert. Sogar trillernd und schrill zu pfeifen ist er in der Lage und es dient wie alle anderen Laute der innerartlichen Kommunikation.

Siebenschläfer
Verlässt er seine Wohnung wird aufmerksam gesichert - Foto RtW Archiv

Der Winter fordert bis zu 50% an Gewichtsverlust

Schon im Oktober fällt er für gewöhnlich in einen Dauerschlaf. Körpertemperatur und Stoffwechselvorgänge sind auf ein Minimum reduziert; dadurch genügen dem nunmehr kühl gewordenen Bilch geringe Nährstoffmengen, die den kleinen „Lebensfunken“ in ihm erhalten. Im April, Anfang Mai, gleich nach Ende des Winterschlafes, versucht der um 25 bis 50% abgemagerte Siebenschläfer den erlittenen Gewichtsverlust durch verstärkte Nahrungsaufnahme rasch wieder wettzumachen. Ende Mai beginnt die Paarungszeit. Vermehrt setzt das Männchen seine Duftmarken mittels Urintropfen ab und signalisiert seinen Rivalen das von ihm besetzte Revier. Mit quiekenden Lauten versucht er, paarungswillige Weibchen aus der Nachbarschaft anzulocken. Wird er ein solches gewahr, dann folgt er ihm - um seine Gunst werbend – unermüdlich, bis es sich besteigen lässt. Danach trennen sich die Wege der beiden wieder und während das Männchen anderen brünftigen Weibchen hinterher rennt, trägt das begattete Weibchen Moos, Federn, Grashalme und anderes Nistmaterial in seine Schlafhöhle und baut ein weiches Kugelnest für die in seinem Leib heranreifenden Jungen. Nach einer Tragzeit von 30 bis 32 Tagen wirft es in dieser Kinderstube 2 bis 7 Junge. Blind, zahnlos, taub und nackt, mit einem Gewicht von nur 2 Gramm kommen sie zur Welt, doch bereits im Alter von 4 bis 5 Wochen verselbständigen sie sich, verlassen ihr Nest und können klettern. Bis Oktober ist unermüdliches Kraftstofftanken angesagt, denn bis dahin müssen die Bilche ihr Gewicht auf 70 Gramm erhöhen, um den Winter zu überleben. Erwachen sie im darauffolgenden Frühjahr, sind sie bereits fortpflanzungsfähig und wenn alles gut geht, leben Siebenschläfer 10 Jahre lang. Zumeist als streitlustige Einzelgänger, jedoch im Winter kann es durchaus sein, dass sich mehrere Tiere zu einander gesellen und eng zusammen gekuschelt die Zeit verschlafen.

Siebenschläfer mit Jungen
Gerade am Umlagern in eine neue Bruthöhle - Foto RtW Archiv

Die großen dunklen Knopfaugen des Siebenschläfers verraten, dass sich sein Leben hauptsächlich während der Dämmerung und in der Nachtzeit abspielt. Tagsüber hält er sich in hohlen Bäumen, Felsspalten, Erdhöhlen und Nistkästen versteckt. Zu diesen Zeiten - bevorzugt aber im Herbst - stattet er auch Dachböden, Hütten und Scheunen einen Besuch ab. Nicht selten dringt er in Speisekammern ein und verzehrt beinahe alles Angebotene - vor allem Obst. Alles Fressbare hält er beim Verzehr geschickt mit den Vorderpfoten fest.

Die alten Römer liebten ihn besonders

Es gibt nicht viele Nager, die dem Bilch an Gefräßigkeit gleichkommen. So lange er fressen kann frisst er. Das aber hat seinen guten Grund: Siebenschläfer legen keine Wintervorräte an – brauchen sie auch nicht – denn sie schlafen sieben Monate durch und führen deshalb ihren Namen völlig zu Recht. Um die Winterperiode schlafend zu überleben, sind genügend Fett - Reserven vonnöten. Jungtriebe, Blätter, Eicheln, Haselnüsse, Bucheckern, Knospen, Kastanien, Sämereien und alle Arten von Obst bilden seine Hauptnahrung aber auch Würmer, Insekten, Schnecken, Kleinsäuger, Vogeleier und Jungvögel ergänzen seinen Speisezettel und machen ihn kugelrund. In sehr kurzer Zeit können sich diese Tiere viele Reserven anfressen.
Das wussten schon die alten Römer und liebten ihn dafür besonders! Sie legten Nisthöhlen und Schlafplätze an, fütterten die Tiere mit Eicheln und Kastanien, steckten sie in irdene Gefäße oder Fässer und versahen die Nager im Überfluss mit Nahrung. Auf diese Art gemästet, wanderten die Siebenschläfer als leckerstes Bratengericht auf die Tafeln der Schlemmer.
Diese Feinde gehören nunmehr der Vergangenheit an, geblieben sind ihm allerdings Marder, Wiesel, Iltis, Katzen und Eulen, denen er nach wie vor am häufigsten zum Opfer fällt.
Einen Siebenschläfer sollte man nie mit ungeschützter Hand zu fangen versuchen, denn er beißt meist sofort und schmerzhaft zu. Bekommt man ihn am Schwanz zu fassen, dann löst sich davon augenblicklich die Haut und er entwischt. Die nackte Rute trocknet ein, fällt ab und wächst in kurzer Zeit wieder nach.

Siebenschläfer
Wohnung und Obst - wie im Paradies - Foto RtW Archiv

Ursachen des Rückgangs der Siebenschläferbestände

Zwar ist er nicht akut davon betroffen, jedoch ist seit einiger Zeit in weiten Teilen seines Verbreitungsgebietes ein markanter Rückgang der Siebenschläferbestände zu beobachten. Dieser Schwund ist hauptsächlich auf die stete Umwandlung von natürlichen, strukturreichen Mischwäldern in Monokulturen - sogenannten Nutzwäldern - zurückzuführen. Kaum ein toter, alter oder kranker Baum bleibt stehen. Dadurch werden diesen Tieren überlebenswichtige Schlaf- und Aufzuchthöhlen entzogen.
Der Siebenschläfer ist nicht nur ein possierlicher Geselle sondern eignet sich auch als Indikator für die Naturnähe eines Waldbestandes und ist gesamtgesehen ein wichtiges Mitglied in der ökologischen Vernetzung.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto Manuela Siller:
Im dünnsten Geäst sprungsicher und gewandt.

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