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Im Sinn der Sinne

Hätten wir unsere fünf Sinne nicht, wüssten wir nicht einmal, dass wir ein irdisches Dasein fristen. Das Auge übermittelt uns tausende Informationen. Das Gehör verkündet uns über Schallwellen die unterschiedlichsten Klänge. Die Fingerkuppen und Hände erkunden unser nahes Umfeld, während der Geschmacks- und Geruchssinn über verträgliche oder unverträgliche Vielfalt informiert.

Als ich ein noch nicht schulpflichtiger Junge war, hielt mir meine Mutter eine große Salzwasser-Muschel ans Ohr und ich hörte durch ihre verbale Ermunterung das Meer rauschen. Dass es die Umgebungsgeräusche außerhalb dieses Gehäuses waren, welche im Inneren die Luft schwingen ließen, wusste ich damals nicht. Heute noch, halte ich mir eine Teetasse aus Großmutters Zeiten ans Ohr – es erzielt beinahe denselben Effekt – denn ich fühle, dass dieses Rauschen aufkommenden Stress abbaut. Es gibt Menschen, welche bei uns ihren Urlaub verbringen und die ersten Tage nicht schlafen können, weil dies die ungewohnte Stille nicht zulässt. Es fehlen die sozusagen gewohnten Großstadtgeräusche. In Wahrheit gibt es keine Stille! Wir hören uns atmen, mitunter das Pochen unseres Herzens, oder, gerade im Weissenseetal, das ferne Läuten von Kuhglocken. Unser Gehör ist in der Lage den millionsten Teil einer Sekunde wahrzunehmen, in dem ein Geräusch das linke Ohr eher als das rechte erreicht. Das Gehirn eruiert dadurch sehr rasch, aus welcher Richtung der Schall kommt. Die unterschiedliche Sprachmodulation einer Person lässt den Hörenden dessen emotionale Stimmung erkennen. Unser Gehör ist außerdem fähig aus Geräuschen, einem sogenannten Durcheinander von Schallwellen, gleichmäßig schwingende Töne herauszufiltern und zu verstehen.

Das Ohr am Knie, auf der Brust oder…

Für Otto-Normalverbraucher schwer vorstellbar, dass es Lebewesen gibt, deren „Ohr“ sich am Knie befindet. Dieses Organ wird Tympanalorgan genannt und enthält als Rezeptoren Skolopidien, Sinneszellen, von denen mehrere das Tympanalorgan bilden. Laubheuschrecken und Grillen hören mit dem Knie, hingegen Schmetterlinge, Zikaden und Feldheuschrecken mit der Brust oder den Hinterleib-Segmenten. Natürlich haben sich Insekten in den letzten 400 Millionen Jahren anders entwickelt als Wirbeltiere.

Grünes Heupferd
Das Ohr am Knie - Foto H.P. Sorger

Wir, das Wirbeltier Mensch, sind nicht dafür ausgelegt unter Wasser die Richtung der Schallwellen einzuordnen – das Wirbeltier Fisch allemal! Sie haben ein Seitenliniensystem oder –organ entwickelt. Damit registrieren Fische die kleinsten Wasserdruckwellen und können bei absoluter Dunkelheit Hindernissen ausweichen oder vor Fressfeinden flüchten. Das System funktioniert über Poren, welche seitlich des Körpers verlaufen. Diese Poren sind mit einem, durch eine gallertartige Masse gefülltem Kanal verbunden und Druckwellen gelangen unmittelbar unter die Haut, die wiederum mit vielen Sinneszellen ausgestattet ist. Eine Art Gallertsäule wird durch Wasserwellen in Schwingung versetzt, wodurch die Sinneszellen in eine bestimmte Richtung gedrückt werden. Diese spezielle Wahrnehmung wird auch als „Ferntastsinn“ bezeichnet. Ohne diesen Sinn hätte ein Fisch nicht die geringste Überlebenschance.

Güster Weissensee
Bei diesem Güster ist die Seitenlinie deutlich zu erkennen - Foto Martin Müller

Einige Eulenarten brauchen kein Licht, um eine Beute zu orten, sie anzupeilen und präzise zu ergreifen. Es sind ihre leicht asymmetrisch angeordneten Gehörgänge, welche eine punktuelle Entfernungserfassung ermöglichen. Ihr lautloses Anfliegen nimmt der Beute den leisesten Gefahrenverdacht und vermittelt dem Nachtgreifer die kleinsten Bewegungsgeräusche. Katzenartige, wie ein Serval oder Luchs, haben ein derart hochsensibles Gehör, dass sie über hunderte Meter Entfernung - allein damit – ihre Beute haarscharf orten können.

Bartkauz
Eulen orten ihre Beute auch bei völliger Dunkelheit, Foto Manuela Siller

Jacobson-Organ

Bis in die 70er Jahre war das Jacobson-Organ nur im Zusammenhang mit Schlangen bekannt, allerdings weiß man, dass auch Katzen, Pferde, Tapire und andere warmblütige Wirbeltiere über dieses olfaktorische System (Organon vomeronasale) verfügen. In diesem Organ sind Sinneszellen vorhanden, welche speziell bei Säugetieren auf Pheromone reagieren. Wichtig bei der Partnersuche. Bei Schlangen, Waranen und anderen Schuppenkriechtieren liegt das Jacobson-Organ ebenfalls im Oberkiefer, dient aber dem Auffinden von Beutetieren. Durch das stete Züngeln der gespaltenen Zunge werden an dieses Organ Moleküle herangeführt und analysiert. Somit können diese Kriechtiere ihre Nahrung ebenfalls bei völliger Dunkelheit aufspüren.

Horn züng
Mit der Zunge nimmt die Schlange Duftmoleküle auf - Foto H.P. Sorger

Zwei Glaskörper bilden die Hauptaugen

Stellt man sich eine Million Sehzellen auf einem Quadratmillimeter Netzhaut vor, dann kann man sich ungefähr erklären, was ein Adlerauge, bei dem dies zutrifft, zu sehen vermag. Es ist doppelt so viel worüber wir Menschen verfügen. Tag-Greifvögel sind Augentiere und weisen zusätzlich unterschiedliche Farbsinneszellen in ihrer Netzhaut auf, womit sie 1. das auch vom Menschen sichtbare Licht, 2. aber auch ultraviolette Strahlung registrieren. Ein „Augenfächer“, welcher auf der Netzhaut dieser Tiere entstanden ist sorgt dafür, dass von ihnen Bewegungen besser wahrgenommen werden.

Gänsegeier
Die Augen sind des Gänsegeiers Fenster zur Welt - Foto Manuela Siller

Insektenaugen hingegen sind halbkugelförmig angelegt, als Mosaik- oder Facettenauge bekannt und unbeweglich. Durch die Form in der sich jedes einzelne Facettenauge (Ommatidium) befindet, sieht jedes in eine geringfügig veränderte Richtung. Als Wesen des Luftraumes leben die Libellen räuberisch von Insekten, die im Flug gefangen und verzehrt werden und deshalb sind ihre Augen größer ausgebildet als bei Schmetterlingen oder Bienen. Die Augen machen bis zu 90% der Kopffläche aus in denen sich bis zu 30.000 Ommatidien pro Auge befinden. Das damit zusammengesetzte Umgebungsbild vermittelt ihnen eine Fülle von wertvollen Informationen. Während das Auge der Honigbiene beispielsweise aus „nur“ 6.000 bis 7.000 Einzelaugen zusammengesetzt ist, ist das zeitliche Auflösungsvermögen bei Libellen stark heraufgesetzt. Dies ermöglicht ein blitzschnelles Reagieren. Glühwürmchen-Weibchen der Gattung Lampyris verfügen über nur 300 Einzelaugen, während die Männchen über 2.700 pro Seite verfügen. Das hängt damit zusammen, dass in der Paarungszeit die Männchen für das Auffinden der Weibchen verantwortlich sind. Spinnen, welche nicht zu den Insekten gehören, sehen im Allgemeinen sehr schlecht. Für Springspinnen ist das Sehen überlebensnotwendig und deshalb hat sich bei ihnen der Sehsinn besonders entwickelt. Zwei große Glaskörper bilden die Hauptaugen, welche von zwei kleineren, kooperierenden Seitenaugen flankiert werden. Damit sind sie befähigt, auf einer Entfernung von 10 bis 30 Zentimetern ein scharfes Bild von Beute oder Partner zu sehen. Mehr ist für ihr Überleben nicht notwendig.

Listspinne
Spinnen verfügen über zwei Augenpaare - Foto Manuela Siller

Leuchten wir in der Dunkelheit mit einem Lichtkörper (Scheinwerfer oder Lampe) Katzen, Hunde, einen Fuchs oder ein Reh an, sehen wir in leuchtende Augen. Mit einer reflektierenden Schicht, genannt Tapetum lucidum, zu deutsch – leuchtender Teppich - welche sich inmitten der Netzhaut befindet, passiert das einfallende Licht diese ein zweites Mal. Es funktioniert wie ein Restlichtverstärker und bewirkt, dass nachtaktive Tiere bei minimalen Lichtquellen - es genügt das Licht weniger Sterne - hervorragend sehen.

Das Fenster zur Welt

Als olfaktorische Wahrnehmung wird der Geruchssinn bezeichnet. Dieser Sinn ist der komplexeste chemische Sinn überhaupt! Menschliche Riechzellen beinhalten ein „Selbstmordprogramm“, sie sterben alle 50 bis 65 Tage ab und erneuern sich. Eine etwas komplizierte Sache, zumal es sich bei der Erneuerung um Reservezellen handelt, welche für die Regeneration abgestorbener Zellen sorgen. Der Geruchssinn wird im Allgemeinen als viel weniger wichtig als das Sehen, Tasten, Schmecken und Hören gehalten. Im Tierreich allerdings würde dieses Fehlen einige Arten vom Aussterben bedrohen und für uns Menschen würde die Lebensqualität beträchtlich abnehmen. Über die Nase nehmen wir Duftstoffe auf, welche unsere Gefühle beeinflussen und die Bildung bestimmter Hormone stimulieren. Gerüche können auch Gefahren signalisieren, wie beispielsweise einen Brand oder freigewordenes Gas. Geruchs- und Geschmackssinn befinden sich in einem steten Zusammenspiel und verkörpern eine wesentlich größere Rolle im Leben als uns bewusst wird. Für Bären ist der Geruchssinn das Fenster zur Welt. Sie erschnüffeln damit alles Fressbare, Himbeeren beispielsweise, riechen sie bei flachem Gelände und gutem Wind aus einer Entfernung von über 200 Kilometer. Ein englischer Bluthund würde vor Neid erblassen, hätte er Kenntnis über die Riechfähigkeit eines Braunbären.

Listspinne
Im Leben der Bären spielt der Geruchssinn die Hauptrolle - Foto Hans Peter Sorger

Unser Tastsinn agiert und reagiert

Babys stecken sich beinahe alles was sie zu fassen kriegen in den Mund. Die Ursache liegt darin, dass Lippen und Zunge unglaublich berührungsempfindlich sind und somit eine Fülle von Informationen geschmacklich und tastend einbringen. Unsere Haut ist das größte, aber auch schwerste Sinnesorgan. Unsere Körperhülle misst beinahe zwei Quadratmeter und reagiert auf Druck und Schmerz, Temperatur und Vibration, Kitzel und erotische Berührungen. Sie warnt uns vor gefährlicher Hitze oder großer Kälte. Unser Tastsinn agiert und reagiert ohne geistige Anstrengung. Diesbezüglich hat sich die Natur die raffiniertesten Systeme ausgedacht. Von Katzenartigen wissen wir, dass sie ihre Barthaare in alle Richtungen strecken können und damit beim Durchstreifen ihres Reviers überlebenswichtige Informationen erhalten. Sie töten ihre Beute zumeist mit einem Biss in die Kehle, drücken die Luftröhre solange zu bis das Opfer erstickt. Es sind die Barthaare, mit denen sie den Tod der Beute erfühlen, denn würde der Beutegreifer zu früh den Biss lösen, entkäme die Mahlzeit ohne größere Verletzungen.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto Manuela Siller

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