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Der Stich des Scorpions

Euscorpius carpathicus

Was für die Fische die Seitenlinien, die Schnurrhaare für Katzen und die gespaltene Zunge für Schlangen sind für Skorpione drei harte Platten am Bauch. Einzigartige, hochentwickelte Sinnesorgane, bestückt mit zahnartigen Rezeptoren welche jede geringfügige Erschütterung registrieren und dem Träger Informationen über Bodenbeschaffenheit und die Größe der unter ihm befindlichen Partikel geben.

Der Skorpion (Skorpiones) gehört zur Klasse der Arachnida, den Spinnentieren und weltweit aufgeteilt gibt es über 1400 verschiedene Arten von ihm. Bei uns, südlich der Alpen im Kärntnerland, lebt der Euscorpius carpathicus, die europäische Form. Etwa vier bis fünf Zentimeter lang, giftstachelbewährt, von blond bis dunkelbraun koloriert, weilt er tagsüber versteckt im Schotter oder Sand an Hausmauern, unter Brettern, in Mauerritzen und engen Spalten. Das Unikum, wie aus anderen Welten, wird in der Dämmerung munter und sucht im Dunkel der Nacht sein Futter. Hauptsächlich greift er mit seinen Scheren Insekten. Ist das Beutetier etwas dimensionierter, wird der Schwanz mit dem Giftstachel über den Rücken nach vorne gebogen und die Giftspritze eingesetzt. Mit den Greifarmen wird der vom Sekret betäubte und durch Enzyme vorverdaute Fang zu den Fresswerkzeugen geführt, mit den Kieferklauen zerkleinert und ohne Hast verspeist.

Scorpio Maurus Palmatus
Typische Drohhaltung - Foto GNU-Projekt

Spürbar wie ein Hornissenstich

Das Toxikum der gefährlichsten, in Amerika oder Afrika lebenden Skorpion-Arten vermag - vor allem in Mexiko - so manch gesunden Erwachsenen in die „Ewigen Jagdgründe“ zu befördern. Im Schnitt sterben weltweit jährlich zwischen 1000 und 3000 Personen. Ein derart unselig Betroffener kann zwischen 5 und 20 Stunden mit dem Tod kämpfen, ehe seine Atmung stillsteht. Eher harmlos erweist sich das Gift des heimischen Skorpions carpaticus. Vor einigen Jahren traf mich der Zorn eines dieser Chitin gepanzerten Giftspritzer, weil ich zu mitternächtlicher Stunde, ohne zu wissen was da mein Gesicht erkletterte, denselben aus demselben zu wischen versuchte. Der Stachel drang, spürbar wie ein Hornissenstich, in meine linke Wange. Meine zweite energischere Handbewegung warf den sich automatisiert verteidigenden Skorpion mit einem Plumps auf den Bretterboden. Ich sah ihn noch, wie er hurtig in die nächstgelegene Ecke lief und spurlos in einer Ritze verschwand. Mehr als die Erinnerung und einer bereits nach wenigen Stunden nicht mehr sichtbaren Schwellung habe ich nichts abbekommen. Dies sollte nur ein Hinweis dafür sein, dass man wegen eines solchen Stiches nicht „die Panik kriegen“ sollte! Unter Allergien leidende Menschen indes ist ein sofortiger Arztbesuch anzuraten!

Scorpio Buthus
Der Stich des in Afrika lebenden Scorpio Buthus kann auch für den Menschen tödlich sein - Foto RtW Archiv

Wie in einer chemischen Fabrik

Die kräftigen Greifarme, eigentlich Beine, auch Pedipalpen genannt, erhaschen nicht nur Insekten, sie sind auch kräftige Grabwerkzeuge, mit denen sich Skorpione Erdgänge buddeln. Ihnen folgen vier Paar Laufbeine. Die Chitinringe des Hinterleibes sind beweglich miteinander verbunden, den Abschluss bildet die Giftblase mit dem Stachel. Diese beiden wirken bedrohlich wie eine stets einsatzbereite „Waffe“, weil sie im Laufen und bei Gefahr stets aufgerichtet über dem Körper getragen werden. Schaben oder andere im Erdreich grabende Beutetiere erfühlt der Skorpion aus Halbmeterentfernungen durch Vibrationen. Ihre Augen haben sich nur zu Orientierungsorganen entwickelt, mit denen sie Hell und Dunkel unterscheiden. Meist lauert das Spinnentier geduldig und bewegungslos auf Beute oder es schleicht sich wie ein langsam gesteuerter Roboter an sie heran, um bei günstiger Gelegenheit kraftvoll zuzupacken. Schon durch das eventuell eingespritzte Gift und dann im Mundbereich beginnt die Verdauung. Der Schlund strotzt vor Muskeln und arbeitet wie eine saugende Pumpe, welche das Leben erhaltende Material in den Vorderdarm befördert. Wie in einer chemischen Fabrik werden mittels Drüsen Lipasen, Amylasen und Proteasen - sogenannte Enzyme - eingespritzt, womit im Mitteldarm die Restverdauung ihren Abschluss findet. Skorpione sind in der Lage, beinahe ein Drittel ihres Körpergewichtes an Nahrung aufzunehmen. Die groß angelegte Kombination von Leber und Bauchspeicheldrüse (20% ihres Körpergewichtes) dient als Depot für tierische Stärke, gewonnen aus effektiv verwerteter Kost. Das befähigt diese Tiere, vorausgesetzt die Luftfeuchtigkeit ist nicht zu gering, über ein Jahr ohne Nahrungsaufnahme zu überleben.

Skorpion - Samenpaket
Skorpione legen ein Samenpaket am Boden ab - Foto RtW Archiv

Kannibalismus

Gerade in unwirtlich trockenen Lebensräumen ist es die Luftfeuchtigkeit, welche die Austrocknung – vor allem der Spermien - verhindert. Denn ähnlich wie bei den Lurchen setzten die Scherenträger-Männchen vor äußeren Einflüssen geschützte Behälter, sogenannte Spermatophore ab, welche kurz nach der Ablage vom Weibchen aufgenommen werden. Aufgrund dieses Ablegens, angeregt durch den „Hochzeitstanz“, bei dem das Männchen das Weibchen mit den Scheren greift und es zielsicher über den Ablageplatz zieht, kann das Sperma direkt in dessen Genitalporus aufgenommen werden. Nach diesem Vollzug gerät der Liebhaber in höchste Lebensgefahr, denn die soeben Geschwängerte ist drauf und dran, ihn in kannibalischer Manier zu verzehren. Das abrupte Ende der Zeremonie erklärt sich damit von selbst. Die „Brutzeit“ ist dehnbar, denn in nur einigen aber auch bis zu 12 Monaten (biotopbedingt) werden die befruchteten Eier im Körper ausgebrütet. Schließlich befreien sich die Jungskorpione vom Chorion, der Embryohaut, und erblicken krabbelfähig und ganz in Weiß das Licht der Welt. Ihre erste schützende Zuflucht ist der Rücken der Mutter. 20 bis 40 Stück der Neugeborenen schleppt sie, sich äußerst aggressiv anderen Artgenossen gegenüber verhaltend, etwa 50 Tage mit sich herum. In dieser Zeit nehmen die Sprösslinge nichts an Nahrung zu sich. Mit körpereigenen Reserven und der Aufnahme von Flüssigkeit, welche die Rückenhaut der Mutter spendet, schlagen sie sich bis zur ersten Häutung durch. Nach diesem „aus der Haut fahren“ nabeln sie sich von der Mutter ab und gehen selbstständig ihre eigenen Wege. Fünf Mal in etwa werden sie bis zur endgültigen Geschlechtsreife ihre Kleidung wechseln.

Skorpion mit Jungen
Mütter tragen ihre Jungen wohbehütet am Rücken - Foto GNU-Projekt

Eine Ansammlung von 36 Skorpionen

Ihr künftiger Lebensalltag ist gespickt mit nicht zu unterschätzenden Gefahren! Eulen stellen ihnen ebenso nach wie Schlangen, selbst vor Eidechsen müssen sie sich hüten: So mancher Skorpion verschwand schon im Maul eines großen Frosches und ihre kannibalische Veranlagung hindert sie nicht daran, sich gegenseitig den Garaus zu machen und zu verspeisen. Zur Verteidigung haben Skorpione ein Zweikomponentengift entwickelt. Mit dem einen killen sie ihre Nahrung, welche in der Hauptsache aus Gliederfüßern besteht, mit dem anderen verteidigen sie sich gegen die sie attackierenden Wirbeltiere. Die meisten Skorpione leben außerhalb der Paarungs- und Aufziehzeit eremitisch. Ob sich das bei der autochthonen Art ebenso verhält muss ich in Frage stellen, da ich im Sommer 1992 bei Gartenarbeiten in Techendorf am Weissensee unter einem Stein auf eine Ansammlung von 36 Skorpionen stieß. Ein andermal waren es 11 Exemplare unter einem sonnenbeschienenem Brett. Scheinbar geblendet vom grellen Licht verharrten sie erst ruhig, um aber dann, nach einigen Minuten, neue Verstecke zu suchen. Es gibt Arten welche sich aggregierend verhalten, ja sogar sehr starke Bindungen zwischen Jung und Alt bestehen und gemeinsam ziehen sie los, um Beute zu machen. Noch stehen sie nicht auf der internationalen Roten Liste, wurden aber auch nicht erschaffen, um ohne Hemmung umgebracht zu werden.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto RtW Archiv:
Mit einem eigenartigen Tanz beginnt die Balz.

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