A | A | A   Schriftgrösse

Spechte – Unverzichtbare Geschöpfe

Picidae

Sieben Spechtarten (Höhlenbrüter) gibt es noch im Kärntnerland, davon ist der Weißrückenspecht bereits vom Aussterben bedroht und der Kleinspecht nicht minder davon gefährdet. In der Vorwarnstufe bewegt sich der Grünspecht, hingegen gibt es über den Grauspecht zu wenig Datenmaterial, um ihn in den Roten Listen kategorisieren zu können. Spechte haben im Ökosystem Wald eine Schlüsselrolle, sind daher als bedeutsam einzustufen und deshalb müssen wir etwas tun, um sie auf lange Sicht zu erhalten.

Mangel an umfangstarken Laub- und Nadelhözern

Alle kennen wir ihn, den knapp krähengroßen Schwarzspecht (Dryocopus martius) mit seinem weithin hörbaren Flugruf – ein vielsilbiges „krrü-krrü-krrüü“ und dem klagend klingenden, abfallenden Sitzruf „kijäh“ oder „kliööh“. Während der Fortpflanzungszeit fügt er lauthals eine „kwoih-kwih-kwih-kwikwikwi....“ klingende Rufreihe hinzu, um sein Revier und Höhlenbesitz zu demonstrieren. Seine Bruthöhlen zimmert er sich stets selbst und dazu braucht er in erster Linie Rotbuchen (95%!), sind diese nicht vorhanden, weichen Schwarzspechte ungern auf Kiefern, Tannen, Fichten oder Lärchen aus. Bis zu 9 Jahre hintereinander können sie in der selben Rotbuchen-Wohnung, die sie mitunter vorher akribisch säubern, brüten. Grundbedingung ist ein säulenartiger Stamm mit hoch über dem Boden liegendem Astansatz und einem Brusthöhendurchmesser im Mittelwert von 56 Zentimetern. Selten haben in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern – kurze Umtriebszeiten – Bäume die Chance jenes Lebensalter für den beanspruchten Umfang zu erreichen, welcher für den Höhlenbau brauchbar ist. Für den Forst ernährt sich der Schwarzspecht äußerst nutzbringend: Die in Kolonien lebende, stammzerfressende Rossameise, deren Larven und Puppen, holzbohrende Käfer (Borkenkäfer) sowie andere Insekten und verhindert auf diese Weise deren schadenbringende Überpopulation. In der Winterzeit muss er sich tagsüber rund 3000 Insekten oder Larven beschaffen, um überleben zu können. Zusätzlich vertilgt ein Nestling pro Tag an die 950 Larven und 55 ausgewachsene Borkenkäfer. Um dem gerecht zu werden, sucht der Specht nicht nur an Baumstämmen sondern ebenso am Boden, an Stümpfen, liegendem und stehendem Totholz.

Schwarzspecht
Schwarzspecht - Ein leuchtend roter Scheitel ziert des Männchens Schädel - Foto Jakob Zmölnig

Schmied und Zimmermann

Die am häufigsten vorkommende Spechtart Mitteleuropas ist der Buntspecht (Dendrocopos major). Der kaum amselgroße Tausendsassa ist oberseits schwarz mit weißen Schulterflecken, während die Unterseite gelblich-grau erscheint. Die Unterschwanzdecken sind leuchtend rot gefärbt und Männchen wie Weibchen haben einen gelblichen Stirnfleck; ersterer verfügt zusätzlich über einen dunkelroten Klecks im Nacken. Selbst in Städten ist sein Trommelwirbel zu hören und nicht selten dienen ihnen Stadtparks als Lebensraum. Auch er ist ein Insekten- und Larven-Vertilger welche er mit kräftigen Hieben aus der Borke hackt. Ist in der Winterzeit das Futter knapp, stellt sich der Kerl um und frisst Samen, Nüsse, ja sogar getrocknete Beeren. Da er nicht wie Rabenvögel unter Zuhilfenahme der Füße Nüsse knacken kann, klemmt er sie in Spalten ein und hämmert sie auf. Für Kiefernzapfen, deren fettreiche Samen Buntspechte fressen, meißeln sie Löcher in Äste und fixieren sie raffiniert in sogenannten „Spechtschmieden“. Hartschalige Käfer erfahren die gleiche Behandlung. Schon im Dezember beginnt das Männchen mit revierabgrenzendem Trommeln und leitet damit auch die Balz ein. Beide Geschlechter legen ihr Territorium durch resonanzstarkes Trommeln und mit kurzen harten „kick- oder kix-„ Lauten, welche sie bis über 120 Mal in der Minute ertönen lassen, gegenüber anderen Tieren fest. Das Weibchen brütet gegen Mitte April. Passiert nichts außergewöhnliches, erreichen sie ein Alter von 9 Jahren. Auch sie brauchen für ihre Bruthöhlen dickes, allerdings weiches Holz.

Buntspecht
Gekonnt bremst der junge Buntspecht vor der Landung - Foto Jakob Zmölnig

4600 Borkenkäferarten weltweit

Auf den Buchdrucker oder Borkenkäfer ist der Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) spezialisiert. Etwas zarter als der Buntspecht, mit kleinen weißen Punkten im dunklen Gefieder und ohne helle Schulterflecken und dem Rot, kennzeichnet ihn ein weißes mehr oder weniger quergestricheltes Längsband in der Rückenmitte. Tatsächlich kommt er gut mit drei Zehen aus und kann im Gegensatz zu anderen Spechtarten sogar abwärts klettern. Die Bruthöhle zimmert das Pärchen gemeinsam. Mit der langen und Widerhaken bestückten Zunge holt er sich seine Lieblingsspeise, den größten Forstschädling mit 4600 Arten weltweit verbreiteten Rinden- und Holzbrüter namens Buchdrucker oder Borkenkäfer (Scolytidae, Ipidae), mit allein 130 heimischen Spezies, aus den befallenen Bäumen.

Dreizehenspecht
Dreizehenspecht: Eine fette Larve für den Nachwuchs - Foto Jakob Zmölnig

Es nährt ihn die klebrige Zunge

Zu den Erdspechten zählen Grau- (Picus canus) und Grünspecht (Picus viridis). Nur ganz kleine Unterscheidungsmerkmale ermöglichen die Identifizierung der Art. Der graue Kopf mit einem schwarzen Augenstreif und der ebenso graue Hals, den ein kleiner schwarzer Bartstreif ziert, unterscheidet ihn vom Grünspecht. Der wiederum besitzt einen, von der Stirn bis zum Nacken reichenden roten Oberkopf, hingegen beim Grauen das Rot beim Weibchen völlig fehlt. Beide Arten nehmen bereits vorhandene Höhlen zum Brüten an oder zimmern sie sich selbst. Erwähnt werden muss, dass das Trommeln aller Spechte nicht dem Nahrungserwerb, sondern ausschließlich der Revierabgrenzung und dem auf sich aufmerksam machen in der Balz dient! Der Ruf des Grauspechtes erklingt in einem abfallenden „gü-gü-gü-gü-gü“, während der Gesang des Grünen wie ein wieherndes Lachen erklingt aber kaum nachahmbar ist. Und im Gegensatz zum Grauen trommeln Grünspechte nur selten! Beide sind keine Hackspechte, denn sie suchen ihre Nahrung am Boden. Mit einer 10 cm langen, wurmförmigen, zusätzlich klebrigen Zunge bohren sie in die verzweigten Gänge der Ameisenburgen. Die aus Chitin bestehenden Vollinsekten bleiben am Speichelüberzug der Zunge, der sich beim Einziehen in die Mundhöhle ständig erneuert, hängen. Da ihre Schnäbel für das Hacken im Holz weniger gut geeignet scheinen, bevorzugen beide Arten für ihre Brut Weichhölzer mit Fäulnisherden, in die sie leicht eindringen können.

Grauspecht
Grauspechtmännchen vor hungrigen Schnäbeln - Foto Jakob Zmölnig

Grünspecht
Unermüdliches Grünspechtmännchen - Jakob Zmölnig

Seine Spezialität sind holzbohrende Insekten

Der rar gewordene Weißrückenspecht (Picoides leucotos) ist deutlich größer als der Buntspecht, schwarz- weiß- rot gefärbt und verfügt über eine schwarze, weiß quergestreifte Rückenseite. Das weiße Hinterrücken- und Bürzelfeld, welchen er seinen Namen verdankt, ist nur beim fliegenden Vogel gut sichtbar. Zartrosa getönt sind die Unterschwanzdecken und der Bauch. Männchen zeichnen sich durch eine rote, bis in den Nacken reichende Kopfplatte aus. Lautäußerungen erklingen meist verhalten und leiser als jene des Buntspechtes. Weiche „gük“ oder „gjük“ Laute werden nur beim Schelten zu lauteren hellen Serien gereiht. Abgestorbene und sehr stark vermorschte Laubbäume bevorzugt er für seine Höhlenanlage. Hauptsächlich holt er sich in und unter der Rinde oder mulmig zerfallenem Holz die Raupen des Weidenbohrers, Larven von Pracht- und Bockkäfern sowie andere Kerbtiere hervor. Schnaken und andere im Gezweig lebende Formen sammelt er emsig, während pflanzliche Nahrung eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ein plausibler Grund für seine Bedrohung ist der geringe Altholzbestand, Mangel an stehendem und liegendem, morschgewordenem Holz aller Zerfallsstadien und lückigem Aufbau eines Mischwaldes mit durchsonnten Stellen.

Der Kleinste unter ihnen

Nur spatzengroß ist unser heimischer Kletterspezialist, der Kleinspecht (Picoides minor). Seine Trommelwirbel klingen hell und man kann sie gut von anderen Spechten unterscheiden. Das Männchen ziert eine rote, während sich das Weibchen mit einer kleineren weißen Scheitelplatte begnügt. Der Rücken ist schwarz- weiß gebändert und die weißen Schulterflecken fehlen. Wie beim Dreizehenspecht fällt die nicht rot gefärbte Unterseite auf. Auch er fühlt sich in Laub- und Mischwäldern wie zusätzlich nassen Standorten und alten hohen Laubbäumen wohl. Er liebt Weichhölzer und Bäume mit rissiger Borke. Wie alle anderen Spechte ist auch er ein äußerst nutzbringender Zeitgenosse. Akribisch erntet er von Blättern Läuse, Insekten und Insektenlarven. Der Eichengallwespenlarve rückt er vehement zu Leibe und sammelt jede Art von Wanzen und Kleinschmetterlingsraupen. Jagt die gefürchtete Motte (Nonne), ernährt sich vom Borkenkäfer und von Blattflöhen, Schlammfliegen, Rüssel- und Bockkäfern sowie Spinnen.

Kleinspecht
Kleinspecht - Weibchen: Ein Schnabel voll mit Läusen - Foto Jakob Zmölnig

Eine Chance den insektenvertilgenden Zimmerern

Alle diese Spechte gibt es nur in vielfältigen und reich strukturierten Wäldern. Monokulturen bieten Spechten keinen dauerhaften Lebensraum. Forste dieser Art sind durch Schädlingsbefall wesentlich gefährdeter als der naturnahe Wald. Seit Jahren beobachten wir, das Team von RESPECT to WILDLIFE, die Lebensbedingungen der Spechte im Drau-, Gail- und Gitschtal: Es fehlen Altholzinseln, stehende und liegende stark dimensionierte tote Bäume. Die lokale Bevorzugung der Fichte verhindert das natürliche Aufkommen eines potentiellen Mischwaldes. Diese Fakten erschweren den Spechten das Leben und das Anwachsen ihrer Populationen. Das wiederum löst eine Kettenreaktion aus, denn gerade in Wirtschaftswäldern sind Spechte unverzichtbare Baumeister für andere Tierarten: Eulenvögel, Meisen, Tauben, Wildbienen, Fledermäuse und andere Säugetiere sind auf unterschiedlich dimensionierte Spechthöhlen angewiesen. Diese dienen ihnen als Kinderstube, Schlafplatz, Überwinterungsquartier und bieten Schutz vor Feinden und den Unbilden des Wetters. Fehlen diese überlebenswichtigen „Requisiten“, riskieren wir nicht nur ein Ungleichgewicht zugunsten sogenannter „Forstschädlinge“ sondern den Artenreichtum in unseren Wäldern allgemein.

Ihr Hans Peter Sorger

Gönnen Sie sich ein besonderes Naturerlebnis!

Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
Informationen + Anmeldung

Titelfoto Jakob Zmölnig

© Respect to Wildlife 2017