A | A | A   Schriftgrösse

Ein beachtlicher Kraftprotz

Sein Name ist Sperlingskauz (Glaucidium passerinum). Er gehört weltweit zu den Zwergen unter den Eulenvögeln. Lange Zeit zählte er zu den Mittelgebirgsbewohnern, dehnte aber in letzter Zeit sein Brutareal in wesentlich niedriger gelegene Gebiete aus. Nicht größer als ein Star, legt sich der nicht mehr als 65 Gramm „schwere“ Kraftprotz mit Schermäusen, welche doppelt so gewichtig als er sind, an.

Allein sein Revierruf verblüfft. Über einen Kilometer weit sind die markanten „ü,ü,ü“ Laute dieses Winzlings zu hören und in der Balzzeit trumpft er erst richtig auf. Um etliches weiter dringen seine zur Tonleiter geformten „ü,ü,ü,ü“ Rufe durch den Wald. Hört man diese Töne aus nächster Nähe klingen sie pfiffähnlich und äußerst schrill. Manchmal bleibt er vokallos und setzt ein gedehntes „pssssst“ hinterher. Sind die Reviere unter ihresgleichen nicht klar definiert, kann man ihrem Gesang bereits Ende Oktober lauschen, gibt es diesbezüglich keine Probleme, halten sie sich bis Februar/März ziemlich zurück. Rückt man diesen Käuzen bei klaren Besitzverhältnissen mit Klangatrappen auf die Federn, beginnen sie sich aggressiv zu äußern. Ein Vorteil, der bei Kartierungen von großem Nutzen ist. Viele Kleinvögel, vor allem die Tannenmeisen, reagieren auf Rufe von Sperlingskäuzen akustisch sehr aufgeregt und verraten dem Beobachter deren Anwesenheit.

Grössenvergleich Uhu - Sperlingskauz
Der Größte zum Vergleich mit dem Kleinsten - Foto Jakob Zmölnig

Reich an Feinden

Sitzend wirkt er wie ein aufgeplusterter Spatz. Die Kopfform hängt von seiner Stimmung ab und ist in der Regel rund, wird aber bei Erregung und in Drohstellung kantig. Für einen Eulenvogel hat er relativ kleine Augen, welche orange/gelb und mit einem weißen Augenbrauenstreifen versehen sind. Die kurzen runden Flügel und der abgerundete Schwanz mit fünf weißen Querbinden zeigt er im Flug. Oberseits ist sein Gefieder dunkelbraun mit kleinen weißen Flecken, am Bauch hingegen ist es weiß und mit schmalen braunen Längsstreifen verziert. Am aktivsten ist dieser Kerl am Tag und in der Dämmerung. Jagd, Fütterung, Paarung sowie sein Gesang spielen sich tagsüber ab, nur in sehr hellen Nächten lässt er sich zuweilen ebenso hören. Besonders während des gesamten Balz- und Brutgeschehens verlegt diese Eulen-Art ihre Aktivität in die Hellphase. Dieser Kauz verhält sich zumeist ungeniert, sitzt am Wipfeltrieb einer Fichte und betreibt Körperpflege. Er putzt sich sehr gewissenhaft, kratzt sich ausdauernd und beendet diesen Vorgang mit Schütteln. Sich sehr ruhig verhaltende Beobachter duldet er in gut überschaubarem Nahbereich. Aufgrund seiner Größe ist der Knirps reich an Feinden, vor allem größere Eulenarten, denen aber entgeht er geflissentlich durch die Aktivitätsverlagerung in den Tag und gegenüber dem Marder hat er den Vorteil dass er, wenn der ihn nicht im Schlaf überrascht, fliegen kann.

Sperlingskauz
Ein wendiges Köpfchen - Foto Jakob Zmölnig

Sozialverhalten

Ein harmonischer Umgang mit Artgenossen fällt ihm schwer. Stets reagiert er innerartlich aggressiv. Selbst Paare erweisen sich als kontaktscheu. Kurzzeitig kann man in der Frühjahrsbalz Kontaktsitzen beobachten, doch sogar dabei herrscht hartnäckige Anspannung, welche sich in spontanen Verfolgungsflügen nach der Kopulation mit dem Ausstoß von Alarmrufen - ängstlichem Schirken - äußert. Durch das viel größere Weibchen ist das Männchen unterlegen, jedoch duldet die brütende oder hudernde Angetraute für kurze Zeit das Einschlüpfen des beutebringenden Partners in die Bruthöhle. Indessen benutzen diese kleinen Eulen das ganze Jahr über permanent getrennte Einstände und Schlafplätze. Abgegrenzte Reviere, welche bis zu zweieinhalb Quadratkilometer groß sind, werden lautstark und mit Angriffsflügen verteidigt. Wehe jenen Dreisten, welche ihre Bruthöhle störend beeinflussen, da kennen sie keine Gnade! Sogar menschliche Köpfe streift dieser Eulenzwerg beim draufgängerischen Überflug, setzt seine Krallen und sogar den Schnabel ein. Das Weibchen attackiert um vieles größere Vögel, wenn es um den Schutz der Ästlinge geht.

Sperlingskauz
Mit Beute präziser Anflug zur Bruthöhle - Foto Jakob Zmölnig

Der lähmende Biss

Sitzt ein Sperlingskauz auf seiner Ansitzwarte und beginnt mit dem „Schwanzstelzen“ – ein vertikales, aber auch horizontales Schwanzschlagen – deutet das auf einen Ortswechsel oder ein bevorstehendes Beuteschlagen hin. Seine Jagdweise ist unterschiedlich jedoch immer draufgängerisch. Erhascht er in der Verfolgungsjagd einen Vogel, dann segnet dieser durch das tiefe Eindringen der Krallen zumeist das Zeitliche, dennoch folgt, wie immer auch, ein Tötungsbiss in den Nacken. Hat er einen wehrhaften Nager in den Fängen, setzt er zuerst, um nicht selbst verletzt zu werden, einen lähmenden Biss in die Schnauze des Opfers, erst dann treibt er ihn seinen Schnabel ins Genick. Obwohl er hauptsächlich Wühlmäuse erbeutet, kann man ihn keinesfalls als Nahrungsspezialist bezeichnen, denn er schlägt das was am häufigsten vorhanden und am leichtesten erreichbar ist. Sind aufgrund hoher Schneelage die Kleinsäuger nicht mehr auszumachen, jagt er zwangsweise Finken, Meisen bis hin zu Spechten. Im Gegensatz zu anderen Nachtgreifern, welche das Gehör jagdlich einsetzen, lokalisiert der Sperlingskauz ob im Sturzflug oder Überraschungsangriff, auf der Ansitzwarte oder beim Stöberflug seine Beute immer optisch. Eigenen Beobachtungen zufolge transportiert er seine Beute im Fang, übergibt sie aber meist mit dem Schnabel. In der Aufzuchtzeit legt er sogar in Astgabeln oder Zweigen Beutedepots an. Mitunter observiert er höhlenzimmernde Spechte, besonders den Dreizehenspecht. Hat dieser seine Wohnung bezugsfertig gebaut, wirft ihn der Kraftprotz kurzerhand hinaus und zieht selbst ins mühsam gefertigte Heim ein. Im Naturpark Weissensee ist sein Bestand noch nicht ernstlich bedroht und wenn wir seinen Lebensraum erhalten, wird er noch lange die aufsteigende Tonleiter in den Wald schmettern.

Ihr Hans Peter Sorger

Gönnen Sie sich ein besonderes Naturerlebnis!

Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
Informationen + Anmeldung

Titelfoto Jakob Zmölnig:
Gut gedeckt auf der Ansitzwarte.

© Respect to Wildlife 2017