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Wespen: Der Tod aus einem winzigen Stachel

Wespen- oder Bienengiftallergiker sollten eines wissen: Diese überaus nützlichen Insekten stechen nur dann, wenn man sich ihrem Nest oder Stock hektisch nähert, auch wenn man, um sie zu verscheuchen wild und panikartig um sich schlägt. Verfangen sie sich in Haaren ist das danach Greifen der Stechauslöser. Ruhe und Nerven bewahren ist bei lebensbedrohenden Attacken keine einfache Sache, aber immer noch die bewährteste Methode. Jeder auf solche Stiche allergisch Reagierende kann ohne Behandlung einen anaphylaktischen Schock erleiden und deshalb rate ich diesen Personen stets ein Allergie-Notfallset mitzuführen!

Vor einigen Tagen entfernte ich in stiller Dunkelheit aus dem tiefen Geäst einer Zier-Lerche, nahe eines gepflegten Ruheplatzes, ein zwei Faust großes Nest der Vespa vulgaris - die gemeine Wespe. Manuela Siller, unsere vielseitige Diplom-Zoologin und Botanikerin, selbst allergisch reagierend auf das Gift dieser Tiere, assistierte mutig mit einer Stablampe. Wir wollten dieses, vielleicht 80 bis 100 Stück zählende Völkchen nicht töten, sondern nur ihren, für uns Menschen ungünstigen Standort verlegen, zumal diese Immen während eines Sommers unzählige Insekten vertilgen. Vorsorglich deckte ich mich mit einer Imkerjacke ein, dann war Rasch der Ast mit dem Nest abgesägt und in den nahen Wald getragen. Langsam - während die aggressiv gewordenen Wespen um mich herumschwirrten, denn nur so konnten sie den ausströmenden Pheromonen aus ihrem kunstvollen Bau folgen und den neuen Standort annehmen – transportierte ich ihr kugelrundes Heim zur vorbereiteten Stelle. Allerdings suchten etwa zehn hartnäckige, wohl auch verzweifelte Stachelträger am Ursprungsplatz noch drei Tage ihre Unterkunft. Mit einer für sie abscheulich riechenden Kräutermischung konnten wir diesen harten Kern schließlich vertreiben. Jedoch nicht ganz ohne Gegenwehr – mit einem Stich, knapp unter dem linken Ohr kam ich, Nichtallergiker, glimpflich davon.


Am Nest wird stets gebaut - Foto Walter Windhorst

Bienen- oder Wespengift kann jedermann töten

Bei sensibilisierten Menschen kann es nach einem Bienen- oder Wespenstich zu einer Schwellung mit Juckreiz kommen. Sollte dem Übelkeit oder Schwindelgefühl folgen ist sofort ein Arzt aufzusuchen. Warten Sie nicht ab bis sie Benommenheit, Atemnot und ein allergischer Schock einholt. Für Jedermann kann Wespen- oder Bienengift dann tödlich sein, wenn er aus einer offen stehen gelassenen Getränkedose bedenkenlos trinkt. Diese Individuen lieben Zucker und fallen in ihrer Gier allzu leicht durch den kleinen Schlitz des Behälters. Der Stich einer Wespe in den inneren Halsbereich kann zu einer Kehlkopfschwellung mit Erstickungsfolge führen. Zumal sich besonders Wespen für die Nahrung, vor allem gesüßte Speisen und Getränke von uns Menschen interessieren, gilt sie als besonderer Lästling. Stur saugen und schneiden sich die Brummer durch die Lebensmittel und haben sie eine ergiebige Nahrungsquelle entdeckt sind sie kaum zu vertreiben. Zudem führt ein Stich zur Freisetzung von Alarmpheromonen, dadurch werden weitere Tiere angelockt und zum Stechen animiert. Wespen können im Gegensatz zu Bienen ihre Giftspritze mehrmals in die sie bedrohende Haut treiben, denn ihr Stachel ist nicht wie bei Bienen mit feinen Wiederhäkchen versehen. Sticht eine Biene in die Haut von uns Menschen oder einem Säugetier ist sie rettungslos verloren, da sie beim Wegfliegen gemeinsam mit dem Stachel lebenswichtige Organe aus ihrem Körper reißt.


Es scheint als hinge es nur an einem Nagel - Foto Walter Windhorst

Im Spätherbst haucht die Königin ihr Leben aus

Schon im April beginnen die Wespen-Königinnen, das sind befruchtete Weibchen, mit der Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Hinter Verschalungshohlräumen, in Dachböden aber auch Erdlöchern bauen sie ihre kugelförmigen Nester. Mit fein zerkauten und eingespeichelten Holzfasern formen sie ihren Bau. Vorerst ist die Königin auf sich allein gestellt, die Suche, das Bauen, die Eiablage, das Füttern der Larven obliegt ausschließlich ihr. Wiederum sorgen von ihr verströmte Pheromone, dass sich keine befruchtungsfähigen Weibchen entwickeln, sondern unfruchtbare - ihr dienende Rackerinnen. Danach vollzieht sich alles sehr rasch. Die Arbeiterinnen legen in Etagen mehrere Waben an und die Herrscherin widmet sich nur mehr der Eiablage. Wie das untenstehende Foto zeigt, kann die Größe eines Nestes unglaublich zunehmen und ein Volk von bis zu 10 000 Exemplaren umfassen. Spätestens im November haucht die Königin ihr Leben aus und der ganze Staat zerfällt. Durch die verringerte Pheromonabgabe in den letzten Lebenswochen der Königin können sich einige fruchtbare Weibchen entwickeln, sie überleben in einem geeigneten Mikroklima in hohlen Baumstämmen oder morschem Holz in einer sogenannten Winterstarre. Der Rest des alten Staates fällt der hereinbrechenden Kälte zum Opfer. Im Frühjahr beginnt alles wieder von vorne, die Jungköniginnen suchen eine geeignete Stelle, beginnen mit dem Bau eines Nestes und begründen einen neuen Staat.

Diplom-Zoologin, Manuela Siller mit Wespennest
Keine Seltenheit, ein Wespennest in dieser Größe - Foto H.P. Sorger

Trotz ihres giftbewährtem Stachels haben Wespen eine erkleckliche Anzahl von Feinden. In erster Linie der Mensch, der ohne Rücksicht auf seine eigene Gesundheit chemisches Gift versprüht, dem diese und andere Insekten nichts entgegenzusetzen haben. Dann die das ökologische Gleichgewicht haltenden natürlichen Feinde wie der Wespenbussard. Ganze larvengefüllte Waben trägt er zu seinem Horst, um seinen Nachwuchs und sich selbst zu ernähren. Er fängt Hornissen und reißt ihnen vor dem Fressen die Giftspritze mitsamt dem Hinterleib aus. Ebenso gekonnt entfern der Neuntöter vor dem Schlucken der Immen den Stachel. Libellen, Spinnen, Ohrwürmer Meisen und Spechte erbeuten eine Vielzahl an Wespen, ja selbst große Artgenossen verzehren die kleinen. Raubfliegen stürzen sich von ihrem Ansitz auf sie, halten die Beute geschickt mit ihren kräftigen Beinen fest und saugen sie mit ihrem Stechrüssel völlig leer. Der mutige Dachs nimmt wegen der proteinhältigen Wespennachzucht die Stiche der sich aggressiv verteidigenden Arbeiterinnen gelassen hin, aber auch Braunbären graben Erdwespennester aus, um sich die fette Eiweißbeute einzuverleiben. Käferlarven, Milben und Fadenwürmer ernähren sich von ihnen, pflanzen sich parasitär in ihren Eiern fort und machen ihnen gehörig zu schaffen. Hundsgemein verhält sich die Österreichische Wespe (Vespula austriaca). Diese Schmarotzerwespe besteht ausschließlich aus Vollweibchen und Vollmännchen, Arbeiterinnen gibt es nicht. Durch die Ähnlichkeit mit der roten Wespe gelingt es ihnen in deren Staat einzudringen und die Königin zu töten. Dieser Sozialparasitismus führt dazu, dass die von diesen Schmarotzern gelegten Eier, von Arbeiterinnern der roten Wespe versorgt, gehegt und gepflegt werden. Da aber aus diesen Eiern keine Arbeiterinnen entstehen, stirbt der Staat relativ früh aus.

Hornisse schabt Holz
Hornisse schabt Holz für ihr Nest - Foto Walter Windhorst

Achtung Tetanus - Gefahr

Die bei uns am häufigsten vorkommenden Wespenarten sind die Gemeine-, Deutsche-, Feldwespe und die Hornisse (Vespa crabro). Letztere ist vom Aussterben bedroht und deshalb streng geschützt! Abschließend zum besseren Verständnis: Bienen oder Wespen stechen niemals zu ihrem Vergnügen! Bleiben sie ruhig, erst durch Hektik und die verscheuchenden Handbewegungen werden Aggressionen ausgelöst und der Bedrohung – automatisiert - durch einen Stich entgegengewirkt. Das Auflegen von Erde auf die Stichstelle ist aus Unwissenheit entstanden, Schnee von gestern und gefährlich (Wundstarrkrampf), kaltes Wasser oder Eiswürfel lindern den Schmerz.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto M. Siller:
Die gallische Feldwespe gestaltet ihre Nester offen.

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