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Der „Wettersinn“ oder das Wettererfühlen der Tiere

In Zeiten in denen es weder das Fernsehen noch einen Rundfunk gab, mussten unsere Vorfahren durch Beobachtungen der Tiere und anderen Veränderungen in der Natur, für die sichere Einbringung der Ernte oder andere Unternehmungen im Freien, das bevorstehende Wetter ermitteln. Sie kombinierten mehrere Faktoren und lagen mit ihren Prognosen meist 100% richtig. Heute sind diese Methoden aufgrund der meteorologischen Technik, Satellitenbeobachtungen und dem weltweiten Kommunikationssystem in Vergessenheit geraten.
Seit Jahrzehnten verbringe ich mehr als 300 Tage im Jahr im Freien und habe mir an vielen Orten die unterschiedlichsten Verhaltensweisen der Tiere und die Veränderungen in der Natur eingeprägt. Die Waldameise (Formica rufa) in unseren Breiten beispielsweise, richtet ihre Haufen zu 98% nach Süden hin aus – eine ziemlich verlässliche Orientierungshilfe – und reagiert auf bevorstehenden Wetterumschwung zum Schlechten sehr sensibel. Wenn sie aufgeregt ihre Puppen zu höher gelegenen Plätzen schleppen, ist zumindest mit einem schweren Wolkenbruch zu rechnen. Ihre Entlüftungs- und Nahrungseinbringungslöcher erweitern sie bei Hitze, hingegen verschließen sie diese Temperaturregulationsschächte zwischen 10 und 20 Minuten vor einem herannahenden Gewitter. Hunderttausende von eingebrachten Harzkügelchen desinfizieren und stabilisieren den Bau, sodass kein Sturm in der Lage ist ihn hinwegzufegen. Warum sie ihre Burgen gerade an geomantischen Störlinien, Wasseradern oder Strahlungsknoten anlegen weiß man nicht.

Waldameisen
Ameisen verschließen vor einem Regenguss die Belüftungsschächte - Foto Stefan Valthe

Skarabäen, sogenannte Mistkäfer, als Warner vor Gewittern

Der etwa 14 bis 20 Millimeter lange, zur Familie Scarabaeidae gehörende Frühlingsmistkäfer (Geotrupes vernalis) lebt im Wald aber auch an offenen Flächen und ernährt sich von Pferde-, Rinder- und auch dem Dung von Menschen. Diese winzigen Insekten bauen im Frühjahr oder im Herbst Brutbauten. Sie reichen oft in eine Tiefe von 60 cm und können mehrfach verzweigt sein. Danach arbeiten sie emsig am Mist, den sie in 8 bis 10 cm lange, schmale Würste kneten und einbringen, mit Eiern belegen und anschließend den Gang mit Erde auffüllen. Verlassen sie die Arbeit am Dung und suchen sie das Weite, um sich unter Laub oder anderen Verstecken zu verkrümeln, ist mit einem raschen Wetterumschwung zu rechnen, der für uns Menschen zu diesem Zeitpunkt nicht ersichtlich ist.

Mistkäfer
Mistkäfer verstecken sich noch ehe sie von einem Tropfen getroffen werden - Foto RtW Archiv

Möwen als Regenvorboten

Für Weissenseer Landwirte sind plötzlich auftauchende Möwen, auch bei ungetrübtem Schönwetter, welche ständig über dem See ihre Kreise ziehen und sich mitunter aufs Wasser niederlassen heute noch ernstzunehmende Regenvorboten. Spätestens nach ein bis zwei Tagen ihres Erscheinens weint der Himmel. Ich habe mir über das Warum den Kopf zerbrochen und kam schließlich dahinter, dass Möwen, wenn sie den Luftdruckabfall verspüren instinktiv die Regionen der Drau verlassen. Durch den kommenden Regen steigt ihr Wasserspiegel, die Fließgeschwindigkeit erhöht sich, Nahrung ist schwerer zu bekommen. Am See aber schwimmt ihnen nichts davon, sie finden immer einige tote Fische die sie aufnehmen oder von Touristen zurückgelassene Essensreste, Aas oder anderes. Beruhigt sich der Fluss wieder, geht der Wasserhochstand zurück, ist genügend an Futter angeschwemmt oder es treibt langsam dahin, sind die Möwen bereits wieder in ihrem ursprünglichem Revier.

Möwe
Möve über dem Weißensee - Foto Manuela Siller

Bären reagieren wie unsere Hühner

Eine interessante Beobachtung machte ich mit dem Braunbär Nurmi bei Bad Mitterndorf in Steiermark. Im März 1994 entdeckte ich ihn am frühen Morgen bei diesigem Wetter als er am Fuße des Flodrings nahe am Waldrand nach Fressbarem suchte. Ich war etwa 120 Meter von ihm entfernt, gut gedeckt unter einer Fichte. 30 Meter vor ihm befand sich ein für Jäger bestimmter Bodenansitz den er plötzlich anstrebte und in dessen Innerem der 180 kg schwere Meister Petz auf der Bank Platz nahm, sich das Fell leckte und seinen Rücken an der Holzwand scheuerte. Keine 3 Minuten später begann es wie aus dem Nichts so heftig zu schneien, dass ich keine 10 Meter weit sehen konnte. Innerhalb einer Stunde fielen 20 cm pappiger Neuschnee. So schnell der Schneefall einsetzte so rasch endete er. Nurmi verließ den Bodensitz und trollte in den Wald. Das Verhalten des sich Unterstellens ist bei allen Braunbärarten zu beobachten, allerdings nur, wenn es sich um kurzfristige, starke Regenschauer, Gewitter oder Schneefälle handelt. Ebenso eilen unsere im Freien gehaltenen Haushühner bei kurzem Regenschauer in ihren Unterstand, hingegen verspüren sie bei Dauerregen keinen Drang, ihre Stallungen aufzusuchen. Dieses Verhalten ist auch bei Rauhfusshühnern wie Auer-, Birk-, Schnee- und Haselhühnern zu beobachten. Domestizierte Pferde stehen im Freien bei heftigen Gewittern häufig eng zusammen und Jungtiere stellen sich auch vermehrt unter Bäume. Dadurch begeben sie sich in akute Gefahr von einem Blitz erschlagen zu werden. Wildpferde oder lange in Freiheit lebende Unpaarhufer wie Mustangs in der neuen Welt beispielsweise, setzen sich solchen Gefahrensituationen erst gar nicht aus! Erdkröten spüren das Herannahen von Schlechtwetterfronten schon während unsere Barometer noch auf „schön“ stehen und graben sich bei ihren Wanderungen vorzeitig in den schützenden Boden ein. Wissenschafter haben herausgefunden, dass Schneehasen auf ihre Umgebungstemperatur empfindsam reagieren. Sie legen präzise danach ihr Winterkleid an.

Wilde Mustangs
Wilde Mustangs wissen was bei einem Gewitter zu tun ist - Foto RtW Archiv

Gefiederte Meteorologen ohne Satellitenbeobachtungseinrichtungen

Am Morgen um 8 Uhr 30 des 15. Septembers 2005 befanden sich der bekannte Vogelexperte Jakob Zmölnig, die Zoologin Manuela Siller und ich bei herrlichem Wetter in einer Seehöhe von 1700 Meter oberhalb der Straniger Alm im Gailtal (Kntn). Der Taleinschnitt bei Kirchbach/Oberdöbernitzen zwischen Hochwipfel, Schulterkofel und Findenigkofel Richtung Monte Zermula (I) dürfte nach neuen Erkenntnissen ein beliebter Durchzugspass verschiedenster Zugvögel sein. Abgesehen von Sperber, Falken und einem heurigen, mit einem Elternteil mitfliegenden Jungsteinadler fiel uns ein interessantes Verhalten von Tannenmeisen auf. In Schüben innerhalb von 2 bis 4 Minuten und einer Stückzahl von 7 bis 40 Exemplaren flogen diese Insektenfresser über die Anhöhe Richtung Süden. Zig-Tausende dieser Meisen strebten an diesem Tag, zielgenau die Route ihrer Vorgänger einhaltend, in wärmere Regionen. Am Samstag dem 16. 09. des Jahres kam es zu einem gravierenden Wettersturz mit Regen, Schnee und abfallenden Temperaturen von 19 auf 3 Grad.
Von Mauerseglern weiß man, dass sie auf ihren Flugreisen in den Süden Schlechtwetterfronten auf eine Entfernung von 1300 Kilometer erspüren und diese umfliegen.

Die Tiere verloren jede Scheu vor dem Erzfeind Mensch

Dr. Katharina Messner schreibt in einer Sonntagsbeilage der Kronenzeitung vom 01.11.1998: „ Am Nachmittag des 12.11.1972 bemerkten in Niedersachsen Jäger und Förster eine unerklärliche Unruhe unter dem Wild. Was zu diesem Zeitpunkt – das Barometer stand auf ‚schön’ – niemand wusste: Über Irland, 1500 km entfernt, braute sich ein Sturm zusammen, der 18(!) Stunden später als Jahrhundertorkan in die deutsche Geschichte eingehen sollte. Am Morgen des 13. verließen die Tiere den Wald. Rehe, Hirsche und Wildschweine kehrten nicht in die schützenden Tageseinstände zurück sondern blieben auf Feldern, Wiesen und Lichtungen, manche kamen sogar in die Dörfer. Sie verloren jede Scheu vor dem Erzfeind Mensch, so groß war ihre Panik vor dem Sturm. An diesem Tag wurden 200.000 ha Waldfläche verwüstet und 60 Millionen Baumstämme geknickt aber nur 37 Wildtiere von Bäumen erschlagen. Hingegen starben 41 Menschen in der DDR und BRD durch dieses Unwetter.“ Beim letzten verheerenden Tsunami in Ostasien flüchteten lange vor Eintreffen der katastrophalen Flutwelle freilebende Tiere wie Elefanten, Wasserbüffel und viele andere ins Landesinnere oder auf Anhöhen. Die Opferzahl ist gegenüber den getöteten Menschen verschwindend gering - 328.000 starben und nur etwa 2000 Wildtiere kamen am 26. Dezember 2004 durch die Riesenwelle, ausgelöst durch ein Erdbeben im Indischen Ozean, ums Leben.

Gnus töten ihre Neugeborenen

Bei einer Expedition in Südwestafrika stießen meine Teamkollegen und ich immer wieder auf gerade geborene aber getötete Gnus. Durch einen Zufall sahen wir, dass ein Gnumuttertier auf ihr Neugeborenes eintrat und danach das schwerverletzte Jungtier verließ. Ansässige Farmer wissen, wenn Gnus sich so verhalten, die Springböcke vermehrt Fehlgeburten haben und die Rebhuhnähnlichen sich nicht paaren, dass in diesem Jahr die Regenzeit ausfällt. Auch einige Känguruharten in Australien lassen vor extrem trockenen Zeitläufen ihre Jungen umkommen.

Gnu mit Jungtier
Bei Ausbleiben der Regenzeit töten Gnus ihre Neugeborenen - Foto RtW Archiv

Tragen Zebras im Hochland um den Kilimandscharo bereits im Sommer ein dichtes Fell, dann gibt es mit Sicherheit einen unüblich kalten Winter. Man kann sich auf das futuristische Wetterempfinden der Zebras auch dann verlassen, wen man sie um die halbe Welt herum an einen neuen Standort schafft. So warnten 12 Zebras in einem zoologischen Freigelände bei Los Angeles durch ihr ungewöhnlich dichtes Unterfell im Sommer vor einem extrem kalten Winter. Niemand wollte diese Zeichen glauben, da die Station nur 40 Kilometer von der Mojave-Wüste entfernt ist. Doch 5 Monate später gab das Wetter den Zebras recht! Leider wissen wir nicht genau, wie das alles funktioniert aber wir können unseren tierischen Wetterpropheten mit Gewissheit unser Vertrauen schenken.

Ihr Hans Peter Sorger

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Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
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Titelfoto Manuela Siller:
Schon vor den ersten Gewittertropfen suchen Bären Unterstände auf.

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