A | A | A   Schriftgrösse

Wildtiere - Konflikte und Chancen

Wo ist unsere ursprüngliche Fauna und Flora geblieben?

In uns allen steckt ein gewisses Maß an "Liebe" zur Natur. Ein Bedürfnis nach frischer Luft, Wasser, grünen Wiesen, Wald und Flur. Was aber ist Natur wirklich? Vom lateinischen natura "Geburt", "natürliche Beschaffenheit" erklärt Brockhaus Enzyklopädie im 21. Jhdt.: "Zentraler Begriff europäischer Geistesgeschichte, im Sinne von dem, was wesensgemäß von selbst da ist und sich selbst produziert." Was aber ist von dem was ursprünglich "wesensgemäß von selbst da ist" noch vorhanden?

Aus ursprünglichem Mischwald sind profitträchtige Fichten-Monokulturen geworden, in denen man einige durch Flugverjüngung nach Leben strebende Bäumchen vorfindet. Ihre Abstammung - gefinkelte Schnellwuchszüchtung! Naturgräser findet man nur noch in geringfügigen Einheiten, Blumenwiesen sind rar geworden. Kein nicht regulierter, abwasserführender Fluss, um einiges aufzuzählen. Gedankenlos und profitorientiert wurde schon vor einigen Jahrhunderten zu wirtschaften begonnen. Durch den negativen Einfluss auf unsere Flora hat man ebenso einer Vielzahl ursprünglicher Fauna den Lebensraum genommen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf dieser Erde welches Waffen erfunden hat, mit denen es seine eigene Art in wenigen Stunden auszulöschen vermag. Die rasante technische Entwicklung, verbunden mit dem unbedachten Umgang irdischer Ressourcen, wird zu einem verhältnismäßig langsamen Ende der Gattung Mensch führen. Niemand mag und will mehr auf den allgemein leichtsinnigen Umgang mit der Natur hingewiesen werden, weil es aufgrund vielseitiger, aber stets profitorientierter Interessen im höchsten Maße unwillkommen ist. "In vielen Ecken der Erde sterben Menschen in sinnlosen Kriegen, durch Katastrophen, Seuchen, Terror und Hunger. Was spielt denn da das Verschwinden von ein paar Tier- und Pflanzenarten in Ländern, in denen Frieden herrscht für eine Rolle", so argumentiert eine Vielzahl von Menschen in Sachen Umweltschutz und betreibt somit eine gefährliche Vogel-Strauß-Politik. Ein noch nie da gewesener Artenschwund, demgegenüber sich wegen der menschlichen Nutzung aller Lebensräume nichts Neues entwickeln kann, ist die Folge. Mit EU- grünen Fett-Wiesen, Monokulturen, der Viehzucht und aufgepäppelten jagdbaren Wildtieren wird sich der Mensch begnügen und glauben, dass er damit seine Existenz erhalten könne.


Foto H.P. Sorger

Wirtschaftlicher und technischer Fortschritt fordert Schutz für einen intakten Lebensraum.

Das öffentliche Interesse am Schutz der Tier- und Pflanzenwelt unseres Planeten hat im Laufe der letzten 20 Jahre zugenommen. Wissenschaftern wie Laien ist bewusst geworden, dass zur Zeit ein Artensterben nie da gewesenen Ausmaßes stattfindet. Überall auf der Welt werden natürliche Lebensgemeinschaften, die Millionen Jahre gebraucht haben, um sich zu entwickeln, durch den Einfluss des Menschen zerstört. Das massenhafte Artensterben der heutigen Zeit lässt sich mit den Episoden des Aussterbens Zehntausender von Arten in der geologischen Vergangenheit vergleichen, die jeweils auf eine schwere Katastrophe unbekannter Art, vielleicht den Zusammenstoß der Erde mit einem Asteroiden, folgten. Wenn nichts geschieht, um diese Entwicklung aufzuhalten, wird es in freier Wildbahn bald keine Elefanten, Tiger und Bären - um nur einige der eindrucksvollsten und symbolträchtigsten Wildtiere zu nennen - mehr geben. Tausende, vielleicht sogar Millionen von Arten der weniger auffälligen Pflanzen und wirbellosen Tiere werden mit ihnen aussterben, wenn ihre Lebensräume und Bestände nicht geschützt werden, und ihr Verlust könnte sogar noch schwerwiegendere Folgen für die Erde und ihre menschlichen Bewohner haben als das Verschwinden der auffälligeren Großsäuger. Der Hauptgrund für das gegenwärtige Artensterben ist die direkte oder indirekte Zerstörung natürlicher Lebensräume durch den Menschen, etwa durch den Kahlschlag von alten Waldbeständen in den gemäßigten Breiten und von Regenwäldern in den Tropen, durch die Überweidung von Grasland, die Trockenlegung und Zuschüttung von Feuchtgebieten oder die Verschmutzung der Binnengewässer und Meere. Selbst wenn einzelne Gebiete zu Schutzgebieten erklärt werden, ist extreme Wachsamkeit erforderlich, um das Erlöschen der dort noch lebenden Arten zu verhindern: Viele dieser Bestände sind bereits so stark geschrumpft, dass sie extrem vom Aussterben bedroht sind.


Foto RtW Archiv

Der Aralsee ist bereits vollständig zerstört

Auch kann die Umwelt in diesen Überresten natürlicher Lebensräume bereits so stark verändert sein, dass die Voraussetzungen für den Fortbestand bestimmter Arten nicht mehr gegeben sind. Die weit entwickelte Technik der westlichen Länder hat es ermöglicht, unsere Umwelt in einem erschreckenden Ausmaß zu verändern. Einige dieser Änderungen waren beabsichtigt, etwa als Folge des Baues von Staudämmen oder der Erschließung von Ackerland. Andere, wie die Luftverschmutzung oder die Überweidung von Grasland, sind "zufällige" Nebenwirkungen unserer Aktivitäten. Die unkontrollierte Einleitung von Industrie- und Haushaltsabwässern in Flüsse und Seen hat überall auf der Welt Binnen- und Küstengewässer verschmutzt und zum Aussterben zahlreicher Arten geführt. Die Verschmutzung hat ein solches Maß erreicht, dass ganze Nebenmeere wie das Mittelmeer und der Persische Golf in Gefahr sind, biologisch völlig zu veröden. Einige Binnengewässer, beispielsweise der Aralsee, sind bereits vollständig zerstört und mit ihnen viele endemische Fischarten. Die Luftverschmutzung durch Industrie und Kraftfahrzeuge hat Regenwasser in eine saure Lösung verwandelt, die sensible Pflanzen schwächt und absterben lässt, worunter wiederum die auf diese Pflanzen angewiesenen Tiere leiden. Wie die Wissenschaft vor einiger Zeit erkannt hat, ist das Ausmaß der Luftverschmutzung inzwischen groß genug, um das Weltklima zu verändern und die Fähigkeit der Atmosphäre zu beeinträchtigen, die schädliche ultraviolette Strahlung herauszufiltern. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf natürliche Lebensgemeinschaften sind ebenso gravierend wie verhängnisvoll. Sie sind der Hintergrund für die wachsende Bedeutung der Naturschutzbiologie. Die Besorgnis über das derzeitige massenhafte Artensterben beruht darauf, dass die Bedrohung der Biodiversität durch die Ansprüche einer schnell wachsenden Weltbevölkerung sowie dem technischen Fortschritt weiter zunimmt. Viele der Faktoren, die die biologische Vielfalt bedrohen, wirken synergistisch, das heißt, die negativen Wirkungen der einzelnen Faktoren addieren sich oder sie multiplizieren sich sogar (Myers 1987). Schließlich muss den Menschen klar werden, dass Umstände, die sich auf die biologische Vielfalt nachteilig auswirken, auch für den Menschen schädlich sind, da der Mensch in vielerlei Hinsicht auf die Natur angewiesen ist, der er beispielsweise Rohstoffe, Nahrung, Heilmittel und Wasser entnimmt. Manche Menschen entmutigt das lawinenartig hereinbrechende Artensterben, doch kann man die Notwendigkeit, etwas zu unternehmen, um der Zerstörung Einhalt zu gebieten, auch als Herausforderung ansehen. In den kommenden Jahrzehnten wird sich entscheiden, wie viele Arten überleben werden. Von den derzeitigen massiven Bemühungen neue Naturschutzgebiete und Nationalparke einzurichten wird es abhängen, welche Arten der Welt für die Zukunft erhalten bleiben. Vielleicht wird man sich später der letzten Jahre des 21. Jahrhunderts als einer Zeit erinnern, in der relativ wenige, aber engagierte Menschen zahlreiche Arten retteten. Die Naturschutzbiologie ist eine neue, multidisziplinäre Wissenschaft, die als Reaktion auf die Bedrohung der biologischen Vielfalt entstanden ist. Sie hat zwei Anliegen: erstens die Erforschung des menschlichen Einflusses auf die biologische Vielfalt und zweitens die Entwicklung praktischer Ansätze, die das Aussterben von Arten verhindern (Soule´ 1985, 1986; Wilson 1992). In vielen Fällen bedeutet dies, Kompromisse zwischen Naturschutz und menschlichen Bedürfnissen zu finden.


Foto RtW Archiv

Was bedeutet artenreiche Fauna und Flora sowie Biodiversität?

Alle Ebenen der biologischen Vielfalt sind für den Fortbestand der Arten und der natürlichen Lebensgemeinschaften notwendig und für das Wohlergehen der Menschheit wichtig. Jede Art braucht genetische Diversität (die genetische Variabilität innerhalb einer Art), um sich erfolgreich fortzupflanzen, Krankheiten zu widerstehen und sich an Veränderungen ihrer Lebensbedingungen anpassen zu können. Die Artenvielfalt oder Artendiversität repräsentiert das Spektrum der evolutionären und ökologischen Anpassungen von Arten an bestimmte Lebensräume. Sie bietet der Menschheit direkte und indirekte Ressourcen (Nahrung, Baumaterial, Heilmittel und Kleidung). Die Vielfalt der Biotoptypen und Ökosystemprozesse in einer Region (Diversität auf der Ebene der Gemeinschaften) repräsentiert die kollektive Reaktion von Arten auf verschiedene Umweltbedingungen. Lebensgemeinschaften, wie man sie in Wüsten, Grasländern, Feuchtgebieten und Wäldern findet, sorgen langfristig für das Funktionieren der Ökosysteme, die dem Menschen nützliche Dienste leisten, in dem sie ihn beispielsweise vor Überschwemmungen und Bodenerosion schützen oder Luft und Wasser filtern (Woodwell 1990; Odum 1993). Zur biologischen Vielfalt trägt das gesamte Artenspektrum der Erde bei. "Es ist schwierig," wie Heinz Sielmann sagt, "Menschen klar zu machen, dass sie selbst Geschöpfe der Natur sind und dass das zunehmende Schwinden von Tier- und Pflanzenarten ein untrügliches Zeichen der Bedrohung allen Lebens ist."

Ihr Hans Peter Sorger

Gönnen Sie sich ein besonderes Naturerlebnis!

Exkursionen in die Welt der außergewöhnlichen Artenvielfalt im Naturpark Weissensee
Informationen + Anmeldung

Titelfoto RtW Archiv

© Respect to Wildlife 2017