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Überleben im strengen Winter

Wenn Wald und Flur unter einer isolierenden, feuchtigkeitsspendenden Decke liegen, ist das ein Plus für die Landwirtschaft. Wie aber geht es unseren Wildtieren? Wie kommen sie mit diesen Verhältnissen zurecht? 120 bis 200 Zentimeter Pulverschnee! Hoch- und Rehwild versinkt in diesem feinen, kristallinen "Staub" bei jedem Schritt bis zum Bauch. Auf Fährten von Fuchs, Marder und Iltis trifft man in höheren Lagen selten, und der Luchs, mit seinen für Tiefschnee ausgelegten Pfoten, gräbt auf der Suche nach Beute und gerade jetzt in der Paarungszeit als Freier tiefe Furchen in die locker, wie weiße Watte ausgebreitete Decke. Wildschweine, welche sich mit robuster Kraft durch den Schnee pflügen, hinterlassen die imposantesten Fährten. Geleitet von ihrem hervorragenden Geruchsinn erwühlen sie sich im tiefen Schnee ihre Nahrung.

Alle im Freien lebenden heimischen Tiere sind gezwungen, sich auf die kalte Jahreszeit einzustellen. Bedingt durch geringe Sonneneinstrahlung fällt nicht nur die Temperatur, auch die Vegetation reduziert das Angebot an pflanzlicher Nahrung. Tierische Kost wird ebenfalls knapp und ist bei Eis und Schnee schwer erreichbar. Das Ausweichen in klimatisch günstigere Gebiete, wie das unserer Zugvögel oder der Karibus in der Neuen Welt, ist die Strategie der Einen, während die meisten unserer Nagetiere aber auch der Bär und sein weitschichtig Verwandter der Dachs durch eine Winterruhe die kalte Jahreszeit überlisten. Beizeiten haben sie sich eine dicke Fettschicht angefressen. Einige von ihnen, wie das Eichhörnchen beispielsweise, sammeln im Spätsommer und Herbst Vorräte, die sie verstecken. Zwar verbringt das Hörnchen den Winter überwiegend schlafend in seinem Kobel, wacht aber gelegentlich auf, buddelt seine Depots auf und frisst, um bei Kräften zu bleiben, die darin verborgenen Nüsse, Samen und Früchte.

Zwei Meter unter der Erde

Mit einer besonders raffinierten List schlagen Murmeltiere dem Winter ein Schnippchen. Nachdem sie sich einen Sommer lang mit Bergwegerich, Labkraut, Alpenklee und anderen feinen Gräsern dicke Fettpolster zugelegt haben, begeben sie sich im Oktober in den Winterschlaf. Bis zu zwei Metern unter der Erde liegt der von ihnen angelegte, mit Gras isolierte Schlafkessel. Nur selten kühlt es unter fünf Plusgraden ab und da sie gemeinsam überwintern, wärmen sie sich gegenseitig. Ihre Körpertemperatur fällt von 39 auf 7 Grad ab, ihr Puls sowie ihre Atmung reduzieren sich auf ein Minimum. Der Stoffwechsel ist extrem verlangsamt und spart somit Energie. In regelmäßigen Abständen von 10 bis 14 Tagen unterbrechen sie diesen Schlaf, wärmen sich, um das Immunsystem in Gang zu setzen auf und lösen sich in ihren extra dafür angelegten Toiletten. Beinahe 50% ihres Körpergewichts verlieren diese Nager, bis das Frühjahr wiederum zum Ausfahren lockt.


Schneehasen leben auch oberhalb der Baumgrenze - Foto RtW Archiv

Nässe, Kälte und Bruchharsch

Tatsächlich hat gesundes, heimisches Wild mit einem schneereichen und kalten Winter kein Problem. Warmes, regnerisches Wintertauwetter hingegen, welches Wild derart durchnässt, dass Wasser bis auf die Haut gelangt und darauffolgende extrem absinkende Temperaturen bringen so manch schwachem Tier den Erfrierungstod. Bruchharsch verursacht durch den ständigen Kontakt mit scharfen Eiskristallen aufgeriebene, schweißende (blutende) Läufe. In manchen Fällen kann es zu Infektionen kommen und das auf diese Art geschwächte Wild verendet oder wird zu leichter Beute. Bedauern brauchen wir es dennoch nicht, denn Schalenwild in körperlich guter Verfassung weiß, was zu tun ist. Es hält sich in diesen Zeiten energiesparend in den Einständen auf und frisst alles was mit dem Äser (Maul) an Nadeln von Fichten, Tannen, überwinternden Knospen von Föhren und Laubbäumen oder trockenem Gras an Böschungsrändern erreichbar ist. Außer dem gewohnten Gang zu angelegten Futterstellen bewegt es sich kaum und wenn, dann nutzen sie präparierte Loipen, Motorschlittenspuren und sonst leicht begehbare Pfade. Schalenwild aber auch Hase und Fuchs stoßen im Herbst - nicht wie im Frühjahr - keine Fellhaare ab, die Natur zieht ihnen lediglich durch einen dichten, weichen Wollhaarunterwuchs einen Wintermantel an. Gegen Temperaturen bis unter minus 50 Grad sind diese Tiere ausreichend geschützt. Natürlich wird es heuer in höherem Maße Fallwild geben. Vermehrt trennt - unter solchen Bedingungen - die Natur den Weizen von der Spreu und es soll vereinzelt sogar Jäger geben, die sich freuen, dass ihnen die Last des selektierenden Tötens auf diese Weise abgenommen wird.


Zitronenfalter im Eis - Foto RtW Archiv

Starr durch den Winter

Eine andere Methode durch die unwirtliche Jahreszeit zu kommen ist die Winterstarre. Amphibien und Reptilien sind nicht in der Lage ihre Körpertemperatur eigenständig zu regulieren, sie passt sich der Umgebungstemperatur an. Frösche vergraben sich im Gewässerschlamm, welcher selten unter vier Grad abkühlt und Lurche verkriechen sich in frostsicheren Mäusegängen. Von Art zu Art verschieden überwintern bei Schmetterlingen entweder die abgelegten Eier, die Raupen, die Puppen oder das fortpflanzungsfähige Tier wie das Tagpfauenauge oder der Zitronenfalter. Letzterer überwintert, stocksteif - wie gefroren - frei an einem Ast hängend. Das Tagpfauenauge sucht jedoch Höhlen, Dachböden oder Keller auf, um über die kalte Zeit zu kommen. Der Kaisermantel legt seine Eier an Baumstämmen oder am Boden ab, sie überdauern problemlos den Winter. Indessen segnen die Erwachsenen das Zeitliche. Beim Schachbrett sind es die Raupen, die den Frost irgendwo verkrochen im Laub oder Gestrüpp zu überstehen haben. Schlussendlich genügt beim Aurorafalter ein Raupenfutterpflanzenstängel wie Wiesenschaumkraut, Kresse oder Hellerkraut, an dem sich die Raupe vor der Verpuppung selbst mit einem Faden befestigt und so im Puppenstadium bis zum Frühjahr ausharrt.


Beim Hermelin bleibt die Schwanzspitze schwarz - Foto RtW Archiv

Farbanpassung

Schneehasen leben auch oberhalb der Baumgrenze bis in Höhen weit über 3000 Meter. Stets auf der Hut vor ihrem größten Feind dem Steinadler, tarnen sie sich anstelle des sommerlichen rot- oder graubraunen Anzugs mit einem schneeweißen Winterkostüm. Wegen dieses Tricks sind sie visuell wesentlich schwerer zu lokalisieren. Ebenso färbt das Schneehuhn seine Federn in ein reines Weiß und geradezu perfekt beherrscht das große Wiesel oder Hermelin die Umwandlung in die Farbe des Schnees. Diese markante Veränderung der Fellhaare oder Federn hängt mit dem Abfall der Temperatur zusammen.


Das Alpenschneehuhn ersetzt im Herbst die dunklen Federn durch Schneeweiße - Foto RtW Archiv

4 bis 8 Junge

Echte Mäuse sind den ganzen Winter aktiv. Sie fressen was sie an Sämereien wie Eicheln, Bucheckern, Zapfennüsschen aber auch Früchte aller Art, Pflanzenstängel und Gräser kriegen können, um die überlebenswichtige Energie zu tanken. Vor Kälte sind sie durch dichtes Wollhaar geschützt. Die insektenfressenden Spitzmäuse jedoch fallen periodisch in eine energiesparende Starre, welche "Torpor" genannt wird. Am widerstandsfähigsten scheint die Feldmaus zu sein, denn nachweislich wirft sie mitunter auch bei extremer Kälte 4 bis 8 Junge. Allerdings hält sie das Tag und Nacht auf Trab, denn sie muss in einem Rhythmus von circa 2 Stunden nach Futter suchen. Um das Überleben der Neugeborenen zu sichern, wird ihr Gesäuge doppelt so oft als in der Sommerzeit in Anspruch genommen. Erstaunlich wie die nackten Winzlinge mit diesen widrigen Bedingungen zurechtkommen!

Den bei uns überwinternden Vögeln kann man durchaus eine Überbrückungshilfe in Form von Sonnenblumenkernen, Hirse oder anderen Sämereien zukommen lassen aber bitte verabreichen Sie keine Fettkugeln oder -Ringe, denn die könnten wegen zu langer Lagerung verdorben oder mit Schimmelpilzen durchwirkt sein. Das schadet manchen Individuen derart, dass sie qualvoll daran zugrunde gehen.

Ihr Hans Peter Sorger

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Titelfoto RtW Archiv:
Mit Gras isolieren Murmeltiere ihre Schlafkessel.

In der Rubrik "Der Wert der Vielfalt" stellt H.P. Sorger unter Mitarbeit der Zoologin Mag. Manuela Siller monatlich neu Erkenntnisse aus der Feldforschung vor.

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